Zu Besuch bei den McIntoshs

Zu Besuch bei den McIntoshs

Er war bei ihr. Sie wußte es. Riona wußte, daß der fremdfickende Bastard die blonde Schlampe in dieser Sekunde durchzog. Genau so, wie er es all die letzten Wochen getan hatte.

Überstunden. Das Glasgow-Projekt wieder, du weißt schon. Warte nicht auf mich.

An der Kücheninsel stehend, eine Hand um den Stiel ihres Weinglases verkrampft, starrte sie ins Leere, während sich die Muskeln ihres Kiefers unwillkürlich spannten. Die Uhr an der gegenüberliegenden Wand des großen Raumes näherte sich Mitternacht und fand diesbezüglich Bestätigung in der Anzeige des Doppelbackofens.

Riona schüttete den Rest des Cabernet in ihr Glas. Der vollmundige Rotwein hatte ihre letzten Bedenken hinweggewaschen. Eine halbe Stunde vorher hatte sie in die Tat umgesetzt, was während der letzten Tage ersonnen, geplant und durchdacht worden war. Dies würde die letzte Nacht sein, in der Alistair sie betrog, verhöhnte und entehrte, indem er das billige Flittchen vögelte.

Ihr Kopf schnellte herum beim Geräusch eines Autos in der Zufahrt.

~

Alistair wollte seine Frau nicht für eine seiner Eroberungen loswerden. Er wollte sie loswerden – Punkt um. Diese letzte Affäre hatte es ihm nur einmal mehr vor Augen geführt. Schon lange bevor er damit begonnen hatte, Riona zu betrügen, hatte ihre Verachtung für ihn ein unerträgliches Maß angenommen. Die Blicke, die Mißbilligungen, die scharfzüngigen Kommentare. Als könnte er nichts richtig machen. Als wäre er ein totaler Verlierer. Morgens, bevor sie das Haus verließen, war es schlimm. Abends war es schlimmer. Nachts war es vernichtend. Es war Monate her gewesen, daß sie miteinander geschlafen hatten, aber er erinnerte sich noch immer an die völlige Abwesenheit von Zärtlichkeit. Wenn er versucht hatte, sie zu küssen, hatte sie ihr Gesicht weggedreht. Wenn er ihren Körper liebkost hatte, war sie steif und teilnahmslos geblieben. Nachher hatte Riona ihm einfach im Bett den Rücken zugewandt. „Erbärmlich“ war das Wort gewesen, daß sie gemurmelt hatte – gerade laut genug, daß er es hatte hören können. Wie konnte sie ihm danach überhaupt Vorwürfe machen, daß er seine Sekretärin nagelte? Ihm den Drang vorzuhalten, zu beweisen, daß er noch immer ein Mann war? Wenn sie von seiner Untreue wußte, mußte sie sich auch über deren Gründe im Klaren sein. Nicht, daß Alistair irgendwelchen Illusionen über das Ausmaß ihres Verdachtes aufsaß, oder über das, was zwangsläufig folgen würde: Scheidung. Und mit Scheidung würden Anwälte kommen. Und jeder wußte, was mit Anwälten kam – dank dem Ehevertrag, welchen sie ihn hatte unterschreiben lassen. Ihn beschäftigte nicht einmal so sehr die Tatsache, daß er einen gehörigen Batzen Geld loswürde. Aber eher würde er ein Freudenfeuer damit veranstalten, als dem Aas ein einziges Pfund zu überlassen.

Er fuhr im falschen Gang und mit nur einer Hand am Lenkrad, während er mit der anderen hinter dem Beifahrersitz herumtastete, bis er endlich die Flasche gefunden hatte. Noch halbvoll mit Whisky. Halbvoll mit Vergessen, wenn dies nur eine weitere Nacht angefüllt mit Geringschätzung wäre. Halbvoll mit Mut in dieser Nacht. Er nahm einen kräftigen Schluck und begrüßte sofort das vertraute Brennen und die einlullende Hitze des Single Malt. Warum hatte bisher noch niemand Kaugummi mit Whiskygeschmack erfunden? Das Pfefferminzzeug, zu dem ihm sein Arzt zwecks Stressbewältigung geraten hatte, hing ihm zum Hals heraus.

Alistair folgte der Straße durch den dunklen Außenbezirk der Stadt zu dem freistehenden Haus, das sie beide vor wenigen Jahren zu ihrem neuen Heim erkoren hatten. Modern. Zeitgenössisch. Eine Zufahrt aus weißen Kieseln. Sie knirschten unter den Reifen, als er auf die Doppelgarage zuhielt. Einmal mehr hatte Riona das Tor offen gelassen, und ihr Einser war subtil positioniert, um das Parken neben ihm möglichst anspruchsvoll zu gestalten. Er lehnte die Herausforderung ab und hielt vor der Garage. Alistair war nicht begeistert davon, sein Auto unter freiem Himmel zu parken, aber dies sollte das letzte Mal sein, daß er sich darüber ärgern mußte. Er klemmte seine Sachen unter den Arm, stieg aus und warf einige unverdächtige Blicke umher. Niemand war auf der Straße, und das nächste Haus war mindestens fünfzig Meter entfernt, umgeben von einer dichten Hecke. Er hob die Tasche aus dem kleinen Kofferraum unter der Fronthaube, verriegelte sein Auto und nahm Kurs auf den Nebeneingang durch die Garage. Im Vorbeigehen schloß er das Tor.

Nichts auffälliges. Nur ein Mann, der nachhause kommt, zurück zu seinem makellosen Haus mit der makellosen Zufahrt. Zurück zu seiner makellosen, liebenden Ehefrau.

~

„Meine Herren, ich bin außerordentlich erfreut, Ihnen mitzuteilen, daß die Hauptphase unserer Unternehmung in diesem Moment anläuft.“

„Ausführung“, konstatierte der Mann neben ihm beflissentlich.

„Unbedingt, Mister Louie. Des Planes Ausführung!“

Mister Huey liebte es, Vokabeln wie „Phase“, „Operation“ und „Unternehmung“ zu verwenden. Mit einer präzise abgestimmten Geste zur anderen Straßenseite stimmte er sich darauf ein, fortzufahren. Und obwohl seine Darlegungen nicht unbedingt neu sein würden, konnte er sich der ungeteilten Aufmerksamkeit seiner beiden Zuhörer gewiß sein; der des Fahrers ebenso wie der des untersetzten Mannes auf der Rückbank der Pick-up-Kabine.

„Die McIntoshs. Alistair und Riona. Doppeltes Einkommen, keine Kinder, keine Haustiere.“

„Ideale Klienten“, warf der Fahrer ein.

„Unbedingt. Ein junges, attraktives Paar. Modern, urban, mit hohem Bildungsgrad, beruflich erfolgreich, gesegnet mit hoher Kaufkraft. Der feuchte Traum eines jeden Werbestrategen. Mister Dewey?“

Der Mann auf der Rücksitzbank spulte seinen Text ab, als lese er einen Einkaufszettel vor:

„Er arbeitet für Claymore Enterprises, sie ist eine interne Beraterin bei Dearborn & Merryweather, ihr Hausalarm kommt von Ironclad.“

Nun war der Fahrer an der Reihe, und ihm oblag es, die Mittel für Transport und Rückzug zu umreißen. Er war das Mitglied ihrer kleinen Gruppe, daß dem Humor in besonderer Weise zugetan war, und so driftete Mister Louises Exkursion über das Erlangen ihres momentanen Beförderungsmittels ins Anekdotenhafte ab. Nicht, daß irgendetwas daran besonders amüsant oder erwähnenswert gewesen wäre. Dewey und Louie hatten ein geeignetes Fahrzeug auf einem Parkplatz östlich von Falkirk requiriert und es mit neuen Kennzeichen versehen. Aus nicht näher diskutierten Gründen hatten sie sich für einen großen Nissan-Pick-up entschieden, obwohl die Zeiten lange vorbei waren, in denen das Trio Hi-Fi-Anlagen aus Häusern schleppte, um sie beim nächsten Pfandleiher abzustoßen. Heutzutage umfaßte sein Berufsfeld die präzise – Huey ging soweit, zu sagen: chirurgische – Entnahme und Übertragung von Eigentum.

Mister Huey dachte von sich selbst als ein method criminal. Während einer Operation ließ er sich nur mit seinem Decknamen anreden, und er verwendete im Gespräch mit seinen Partnern ausschließlich deren Decknamen. Alles, um innerlich Eins zu werden mit der Operation! In seinen Augen war es von essentieller Bedeutung, daß jeder – wie er es zu formulieren pflegte – zu einem Höchstgrad an Einblick gelangte. Organisation, Ausführung, Transport – die drei Säulen eines wohldurchdachten Planes.

„Nun denn, meine Herren, die Details unseres Vorgehens sollten hiermit ausgiebigst erörtert sein. Weitere Fragen?“

Seine beiden Gefolgsleute schüttelten den Kopf.

„Jeder ist zu einem Höchstgrad an Einsicht gelangt?“

Seine beiden Gefolgsleute nickten mit dem Kopf.

„Großartig. Mister Dewey, unsere Maskierung, bitte.“

Der untersetzte Mann zog drei Skimasken aus seinem unscheinbaren Kleidersack und reichte zwei von ihnen zum Anführer und zum Fahrer weiter. Sobald die Männer sie übergezogen hatten, konnten sie nur noch anhand ihrer Statur unterschieden werden.

„Unterschätzen Sie niemals den Effekt eines uniformen Erscheinungsbildes auf Klienten“, informierte der Anführer.

Louie inspizierte sich im Rückspiegel.

„Ihr beide seht identisch aus. Aber meine Maske hat überall diese komischen Nähte.“

„Du trägst sie auf links“, konstatierte Dewey trocken.

Nachdem Mister Louie seinen modischen Fauxpas korrigiert hatte, erklärte Mister Huey sie alle für einsatzbereit.

„Denken Sie daran, meine Herren: Gehen Sie mit äußerster Autorität vor.“ Er gönnte sich eine dramatische Pause.

„Los.“

Die drei Männer öffneten gleichzeitig ihre jeweilige Tür, glitten hinaus in die Dunkelheit und schlossen die Schläge, ehe die kühle Nachtluft in die Kabine eindringen konnte.

~

Sie hörte Alistair im Korridor herumpoltern, und natürlich führte ihn sein erster Weg zur Hausbar im Wohnzimmer. Der Schlappschwanz hatte lange aufgegeben, seine Sucht vor ihr zu verstecken – schlecht für ihn. Schließlich erschien die Liebe ihres Lebens in der Küchentür, zusammen mit der Trophäe aus der Bar: eine Flasche seines Lieblingswhiskys in Alistairs einer Hand, ein großzügig gefülltes Glas in der anderen. Er hatte sich nicht einmal damit aufgehalten, sein Jackett auszuziehen, einzig seine Krawatte hing lose um den Hals.

~

Alistair betrat den Kochbereich, der nur von den kleinen Ambiente-Lichtern rund um die edelstählerne Abzugshaube erleuchtet wurde – und bereute es sofort. Er hatte damit gerechnet, daß Riona noch wach sein würde, aber gehofft, ignoriert zu werden. Dumm gelaufen, denn sie wartete inmitten der schrecklich avantgardistischen Bulthaupt-Küche. Gemäß dem „gepflegt angeben beim Kochen mit Freunden“-Trend hatte seine bessere Hälfte auf diese Monstrosität aus Aluminium, Glas und Chromstahl bestanden. Nun stand sie in ihrem silbernen Seidenpyjama an der Kücheninsel, ihre Wangen gerötet, ihre Augen aber stechend, und hieß ihn mit bereits leicht verwaschener Sprechweise willkommen.

„Siehst ausgelaugt aus, Schatz.“

Wie sie es fertigbrachte, jeden Kosenamen durch und durch boshaft klingen zu lassen, war unerklärlich für ihn.

„Harter Tag im Büro. Du hingegen scheinst dich zu amüsieren.“

Riona warf ihm einen verächtlichen Blick zu, aber er stellte nur die Flasche auf den Küchentisch und setzte sich. Alistair hatte die Tasche im Korridor gelassen, jedoch die Gegenstände herausgenommen, die er als erstes benötigen würde. Er spürte sie angenehm schwer in seiner Jackettasche, federnd in seinem Hosenbund.

„Du hast das Garagentor offen gelassen. Schon wieder.“

„Ach so?“

„Kannst du dir nicht vorstellen, daß ich zu müde bin, mich jedesmal, wenn ich nach Hause komme, mit diesen Spielchen abzugeben?“

Sie ließ ihren Kopf herumschnellen, mit markanten Kinn erhoben und einem herausfordernden Blick auf ihn gerichtet – ihr bevorzugter Manierismus.

„Ja, ich kann mir vorstellen, daß du erschöpft bist.“

Er nahm einen Schluck aus seinem Glas, und für einen Moment erschien ein seltsames, kaltes Lächeln auf ihrem Gesicht. Egal, welche Bedeutung es hatte, es wurde sofort wieder durch den normalen finsteren Ausdruck ersetzt. Alistair nahm einen zweiten, kräftigeren Schluck. In Gedanken hatte er bereits jede nur erdenkliche Foltermethode an seiner Frau ausprobiert. Im Augenblick griff er auf seinen Favoriten zurück; eine ménage à trois zwischen einem Zahnarztbohrer, ihrer Kniescheibe und einem schalldichten Kellerraum.

„Wenn ich mehr Anerkennung in meinem Privatleben erhielte, müßte ich sie vielleicht nicht bei der Arbeit suchen.“

Alistair fiel beinahe von seinem Stuhl, als neben seinem Kopf das halbvolle Weinglas an der Wand zerschellte und einen purpurnen Regen über den weißen Putz und ihn ausbreitete. Unbeholfen kam er auf die Füße.

„Hast du sie noch alle?!“

„Hast du deine Anerkennung heute Nacht zwischen ihren Beinen gefunden?!“

„Ich hoffe für dich, daß du vorhast, die Sauerei hier aufzuwischen!“

Riona hatte bereits wieder von kalter Raserei auf erdrückende Verachtung umgeschaltet.

„Und letzte Nacht? Was für ein anerkannter Mann du doch sein mußt…“

~

Die Türen des Pick-up öffneten sich keine fünf Minuten später, um den drei Männern Einlaß zu gewähren.

„Bei nähergehender Betrachtung kam ich nicht umhin, zu bemerken, daß der Familienname der Bewohner dieses Hauses M-a-c-intosh buchstabiert wird – was der Vermutung Vorschub leistet, daß wir bezüglich unserer Wegfindung leichte Defizite aufweisen.“

„Falsches Haus also“, fragte der Fahrer.

„Ja, Mister Louie, es ist das falsche Haus. Danke, daß Sie das klarstellen“, entgegnete Huey mit einer feinen Spur von Indignation in der Stimme. „Wie dem auch sei; weder die Operation selbst noch ihr Zeitplan werden durch diese leichte örtliche Abweichung betroffen. Mister Louie, starten Sie Ihren Motor!“

~

Unglaublich! Dieser Bastard! Ihre Zielgenauigkeit hatte vieleicht unter dem Wein gelitten, dessen Rest nun die Wand hinablief. Aber wenn Alistair sie noch mehr reizte, würde sie sich an einem weiteren Wurf Versuchen, diesmal mit der Flasche!

Er kam auf sie zu. Auf seiner Stirn traten die Venen hervor.

„Ich brauche mich in meinem Haus nicht vor dir zu rechtfertigen. Und ich muß mir bestimmt nicht gefallen lassen, mit Sachen beworfen zu werden!“

„In deinem Haus?!“, blaffte Riona und umrundete die Insel, um ihm ihre Verachtung direkt ins Gesicht spucken zu können. „Das ist ja mal eine interessante Formulierung.“ Sie hob ihre Stimme am Ende des Satzes an, gab ihm damit eine eigentümliche Intonierung. Einer ihrer Lieblingsmanierismen. Ließ ihn fast wie eine Frage klingen. Doch es war keine. Es war eine Herausforderung. „Irre ich mich, oder sind wir beide als Eigentümer eingetragen? Und wir sollten nicht vergessen“, trat sie genüßlich nach, „wer hier am Monatsende den größeren Beitrag aufs Konto packt.“

„Du verfluchtes Miststück“, knurrte Alistair

Riona gab ihm eine Ohrfeige. Er grunzte und packte ihren Arm, während seine andere Hand nach etwas in seiner Jackettasche angelte. Bevor sie die Chance hatte, sich aus seinem griff zu befreien, spürte Riona eine Entladung in ihrem Oberschenkel. Senkundenbruchteile später raste der Schock ihr Bein herauf und verteilte sich in ihrem ganzen Körper. Das Bein gab nach, und sie schlug auf den Fliesen auf.

~

Alistair war von dem Effekt überrascht. Der Körper seiner Frau versteifte sich, um einen Moment später zusammenzubrechen. Nur zwei kleine Brandspuren waren auf dem Seidenstoff zu erkennen, wo er den Elektroschocker gegen ihren linken Schenkel gepreßt hatte. Er legte das Gerät auf den Tresen und zog die stabilen Kabelbinder aus dem Hosenbund.

„Das waren 80.000 Volt, wenn du’s genau wissen willst.“

Riona begann, die Kontrolle über ihre Muskeln zurückzuerlangen und auf die Beine zu kommen. Kurzerhand brachte er sie mit seinem Gewicht wieder zu Boden.

„Du bist tot, du Wichser!“

„Wortwahl, Weib!“

Er hätte sie länger schocken sollen, konstatierte Alistair, als sie sich auf dem Boden herumwälzten. Zweimal gelang es ihr, ihn mit dem Knie zu treten. Das erte Mal traf sie ihn in die Magengrube, doch glücklicherweise war ihr Bein vom elektrischen Schlag geschwächt. Rionas anderes Bein zeigte indes keine Anzeichen von Schwäche, als es sich in seine Begattungsorgane rammte. Er bekam kaum mehr als ein ersticktes Keuchen hervor, als sich der lähmende Schmerz ausbreitete. Riona verlor keine Zeit, sondern versuchte, die Schublade mit den Küchenmessern zu erreichen. Alistair unterdrückte den überwältigenden Drang, sich übergeben zu müssen, und warf sich auf sie. Erneut lag sie auf dem Boden, Gesicht nach unten.

„Geh’ von mir ’runter!“

Er preßte sein Knie in ihren verlängerten Rücken und verdrehte ihren Arm.

„Au! Laß’ los!“

„Hör’ auf, dich zu wehren, Süße!“

„Fick’ dich!“

Alistair verdrehte ihren Arm weiter, und sie stöhnte hinter zusammengebissenen Zähnen. Das tat gut! Er drehte noch etwas weiter, nur so zum Spaß.

„Du brichst mir den Arm!“

Natürlich übertrieb sie. So, wie sie immer übertrieb, wenn es darum ging, seine Handlungen zu kritisieren. Er brach ihren Arm gar nicht. Er kugelte ihn aus. Außerdem war sie ziemlich gelenkig durch Yoga und das ganze Zeug. Die erste Kabelbinderschlinge schloß sich um ihr gefangenes Handgelenk. Aber es bedurfte weiterer Überzeugungsarbeit in Form eines überdehnten Armes, bis sie ihre andere Hand preisgab. Sie war schon immer eine ganz Harte gewesen, ein Umstand, den Alistair neidlos anerkennen mußte. Begleitet von wüsten Beschimpfungen wuchtete er sie auf den nächstbesten Stuhl. Kurze Zeit später fixierte eine Vielzahl weiterer Kabekbinder Riona daran, Arme verkrampft um die Rückenlehne gewunden, ihre bloßen Knöchel an die hinteren Stuhlbeine gefesselt.

Alistar holte seine Tasche aus dem Flur, nicht ohne sich bei der Gelegenheit gleich noch einen weiteren Schluck zu gönnen. Nur um den Schmerz zu lindern, der noch immer durch seine Leistengegend pulsierte. Er stellte die Tasche auf dem Küchentresen ab und zog sein Jackett aus, die ganze Zeit über mißtrauisch von Riona beäugt. Sie hatte aufgehört, ihn zu beschimpfen, als er nach dem Glas gegriffen hatte. Er brachte es zum Tisch mit, zusammen mit der sich rasch leerenden Flasche.

„Willst du auch einen? Du wirst ihn brauchen.“

Sie schaute ihn nur mit eiskaltem Blick an. Alistair zuckte mit den Axeln und begann damit, seine Tasche auszuräumen. Neben den Elektroschocker drapierte er ein Brechklingenmesser, eine Kombizange und einige stählerne Schaschlikspieße auf der Kücheninsel. Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete er seine Frau. Der eisige Blick war noch immer da, aber sie schien nun ein bißchen unruhig auf ihrem Stuhl zu werden. Mit gespielter Akribie inspizierte er jede einzelne seiner Gerätschaften, schaltete als dramatischen Höhepunkt sogar den Gasherd an. Mit einem sanften Pop erwachte die kleine blaue Flamme zum Leben. Alistair erinnerte sich noch daran, wie Riona ihn immer aufgezogen hatte, er könne nichts in der Küche zum Laufen bekommen. Keine schnippischen Bemerkungen heute Nacht. Genauer gesagt, überhaupt keine Bemerkung. Ziemlich mager.

„Ach, komm’ schon, Ro, bist du nicht zumindest ein ganz klein wenig neugierig?“

Ihm wurde bewußt, daß er sie gerade das erste Mal seit Monaten mit ihrem Kosenamen angesprochen hatte. Ehrlich gesagt hatte er seine Zweifel gehabt, ob und wie er seine Frau überhaupt verschwinden lassen könnte. Nun aber durchströmte ihn ein Gefühl, daß fast schon an Ausgelassenheit grenzte. Der Single-Malt-Whisky tat seine Wirkung.

„Ich sehe schon, du willst nicht mitspielen, aber ich geb’ dir trotzdem mal einen kleinen Überblick: Einbrecher steigen in unser trautes Heim ein und überwältigen dich. Du zeigst dich natürlich unkooperativ, und die ganze Sache wird häßlich. Sie fangen an, dich zu foltern, um an die PIN und so weiter zu kommen. Und da wir alle wissen, wie stur du sein kannst, verwundert es nicht, daß sie dich gehörig durch den Wolf drehen.“

„Du hast nicht die Eier für sowas“, fauchte Riona.

„Apropos: Weil du mir dein Knie in die Weichteile gerammt hast, bekommst du noch eine halbe Stunde Nachspielzeit obendrauf.“

Ihr Gesichtsausdruck hatte sich während seiner Schilderung verändert, allerdings mehr zu Verachtung denn zu Angst. Nicht das Alister sich seinen großen Moment dadurch vermiesen ließ.

„Letztenendes töten diese Bastarde dich – und lassen einen gramgebeugten Ehemann zurück.“

„Der Plan ist hirnrissig, selbst für einen Vollidioten wie dich“, stellte sie fest. „Ist das eine deiner kranken Wichsphantasien?“

„Finde Trost in dem Umstand, daß ich einige deiner Schmerzen teilen werde, nur um es glaubwürdiger aussehen zu lassen. Du wirst außer dir sein vor Wut darüber, daß diese Kriminellen auch mir eins mit dem Elektroschocker verpassen, wodurch ich stürze und mir eine Gehirnerschütterung zuziehe. Schließlich erlange ich wieder das Bewußtsein, nur um deinen geschundenen Körper vorzufinden.“

Er bluffte, das war mal sicher. All das harte Gerede kam von einem Kerl, der nicht den Anblick eines einzigen Tropfen Blutes aushalten konnte. Letztes Jahr hatte ihr ihre vom Garagenregal sausende Trekkingausrüstung eine üble Platzwunde verpaßt, woraufhin er sie ins Krankenhaus gefahren hatte. Als sie angekommen waren, hatte Alistair blässer ausgesehen als sie selbst. Und auch falls es kein Bluff wäre, wäre er sowieso bald erledigt, eingedenk der Menge an Whisky, die er konsumiert hatte – und dem, was sie hineingemischt hatte. Wie auf Stichwort hielt Alister inne, umsich am Küchentresen abzustützen.

„Was ist, Schatz? Ist dir ein bißchen schwindelig?“, züngelte sie, ihre Stimme voll kalten Hohnes. „Vielleicht was falsches getrunken?“

Er verzog den Mund zu einem höhnischen Grinsen und hob sein Glas.

„Slàinte mhath!“

„Sei vorsichtig mit dem Zeug“, riet sie, wohlwissend, ihn damit nur zu noch mehr Gläsern zu verleiten.

„Keine Sorge; die Flasche wird für heute Nacht reichen. Aber sobald du versorgt bist, werde ich mir erstmal gehörig die Kante geben – auf dein Wohl, versteht sich.“

Er setzte das leere Glas ab und zog sein letztes Utensil aus der Tasche. Einen großen roten Gummiball, durch dessen Mitte ein Lederriemen lief. Obwohl sie niemals einen Ballknebel in echt gesehen hatte (sie hatte nichts übrig für diesen kranken Kram), so besaß Riona doch eine ungefähre Vorstellung von seinem Zweck. Daß Alistair sie gefesselt hatte, war ehrverletzend genug, aber auf keinen Fall würde sie dieses abartige Sexspielzeug in den Mund nehmen!

~

Alistair hatte zu zählen aufgegeben, wie oft er verbale Vivisektion durch seine Frau erlitten hatte. Heute Nacht jedoch würde ihr scharfe Zunge gezähmt werden. Der klassische SM-Knebel war ohne Zweifel die Hauptattraktion seiner kleinen und gemeinen Sammlung. Dank ihrem beinahe ikonischen Aussehen war diese Art von Fetischutensil selbst in die aktuelle Popkultur vorgedrungen. Der Knebel rief bei Riona eine stärkere Reaktion hervor als all seine provisorischen Folterinstrumente zusammen. Vor einiger Zeit, noch in ihren besseren Tagen, hatte er das Thema „unkonventionelles Liebesspiel“ vorsichtig angeschnitten. Sein Vorstoß hatte ihm zwei Wochen Sexentzug eingebracht.

„Sag’ ‚Aah‘…“

Es verwunderte nicht, daß Riona ihre Lippen zusammenpreßte und ihren Kopf hin- und herdrehte, wann immer sich die rote Kugel ihrem Gesicht näherte. Alister packte ihr Kinn mit der Hand, die auch den Ballknebel führte, und drückte ihr mit den Fingern der anderen die Nase zu. Sie hielt den Atem an und bedachte ihn mit einem Blick, der Glas schneiden konnte. Schließlich begann sie, Zischlaute von sich zu geben, als sie Luft zwischen ihren fest aufeinandergebissenen Zähnen einsog.

„Du machst es dir selbst nur unnötig schwer…“

Alistair war keineswegs vom Widerstand seiner Frau ausmanövriert. Er ließ von ihrer Nase ab, um seinen Zeigefinger gegen einen bestimmten Punkt an ihrem Hals zu drücken, etwas unterhalb des Kehlkopfes. Riona versuchte, sich davonzuwinden, doch zu spät: Ein übermächtiger Würgereiz überkam sie, und einen Moment später hustete sie auf das heftigste. Und einen weiteren Moment später war ihr Husten unbarmherzig vom verhaßten Gummiball gedämpft.

„Bon appétit!“

Er schloß die schwere Schnalle in ihrem Nacken und zog ihr langes Haar frei. Riona gelang es, einige beleidigende Geräusche hervorzubringen, doch das Gros ihrer Tiraden wurde durch den Fetischknebel weggeblockt. Mit zwei Zoll Durchmesser war er ein relativ großes Exemplar, insbesondere für einen untrainierten Mund. Und er bestand aus echtem, wenn auch hochwertigem Gummi, nicht aus dem weicheren Silikon. Der Laden in Edinburgh hatte sogar noch größere geführt, bis hin zu einem Monster von 23/4 Zoll. Von ihm war Alistair besonders angetan gewesen, aber er wäre für diese Nacht einfach nicht praxistauglich gewesen. Also hatte er sich für den Zwozöller entschieden. Er mußte eingestehen, daß sie damit eigentümlich sexy aussah, und für einen Augenblick wünschte Alistair, sie hätten all dies unter einvernehmlicheren Umständen ausprobiert.

~

Sofort füllte der intensive Geschmack des Gummis ihren Mund, womöglich noch verstärkt durch ihren bodenlosen Abscheu. Wie dem auch sei, sie hatte das Gefühl, auf einem neuen Autoreifen herumzukauen. Und doch verbiß Riona sich in hilflosem Trotz in das Material. Sie hatte recht gehabt: Geknebelt zu sein war schlimmer, als gefesselt zu sein. Nicht einmal ansatzweise erschloß sich ihr, wie irgendjemand etwas daran erotisch finden konnte! Es war unbeschreiblich erniedrigend, entstellend und einschüchternd. Das verdammte Ding machte sie wortwörtlich sprachlos und sperrte ihre Kiefer so weit auf, daß die Muskeln beinahe sofort zu schmerzen begannen. Und wo sie gerade über Erniedrigung sinnierte – ihr Speichel begann bereits, sich um ihre gefangene Zunge zu sammeln.

Sie würde es ihm nicht so einfach machen, sie noch weiter zu demütigen!

Rionas dunkle Mähne wirbelte wild umher, als sie ihren Kopf nach links und rechts schüttelte. SIe zerrte und wand sich auf dem Stuhl, ohne sich darum zu kümmern, daß sich die Kabelbinder tief in ihre Haut schnitten. Sie preßte mit ihrer Zunge, kämpfte mit aller Macht, und unter Anstrengungen befreite sie ihren Mund endlich von dem roten Eindringling. Der Knebelball schlug zurück gegen ihr Kinn, aber eine weitere Runde heftigen Kopfschüttelns schleuderte ihn hinab. Wie ein perverser Modeschmuck blieb er an dem Lederriemen um ihren Hals baumeln.

Alistair, zuerst amüsiert von der Schau, die sie abzog, war nun deutlich weniger erfreut. Er griff nach dem Knebel und brachte ihn zurück an ihre Lippen.

„Spuck’ das ding noch einmal aus, und ich werde―“

„Was wirst du, du Schlappschwanz, heh?! Was wirst du mmghh―“

Alistair zwängte den Ball zurück in ihren Mund und trat hinter sie, um den Riemen im letzten Loch zuzuschnallen. Daß das Leder sich dabei tief in Rionas Mundwinkel einschnitt, war im gänzlich egal. Er baute sich wieder vor ihr auf.

„Was sagtest du, Liebling?“

„Mmpf.“

~

Rionas Augen weiteten sich – Gut! – , aber Alistair bemerkte, wie ihr Blick über seine Schulter hinweg ging. Er lehnte sich mit einem mitleidigen Seufzen zurück.

„Im Ernst, Liebling? Der alte Trick? ‚Paß auf, Alistair, hinter dir!‘

„Paß’ auf, Alistair, hinter dir…“

Aufgeschreckt durch die unbekannte Stimme wirbelte er herum. Jede Folgeaktion wurde jedoch durch eine Faust in seine Leber unterbunden.

~

Ihr Anführer sprach mit einem leichten irischen Akzent.

„Mister und Mrs McIntosh, wir sind hier, um Ihre weltliche Habe an uns zu nehmen. Ich vertraue darauf, daß Sie adäquat versichert sind und würde es begrüßen, wenn Sie keinerlei Anzeichen von Widerstand zeigen. Mister Dewey – der Herr zu meiner Rechten – hat den Ruf, solchem Verhalten ausgesprochen ruppig zu begegnen, wie Mister McIntoshs gekrümmte Körperhaltung unterstreicht.“

Alistair stöhnte, wie um die Aussage zu bestätigen. Er war mittlerweile an einen Stuhl gebunden, vis-à-vis zu Riona, und ausgerechnent mit Kabelbindern (sie hatten ihre eigenen mitgebracht – niemand schien sich heutzutage mehr mit einem guten Seil und der Kunst des Knotens zu beschäftigen). Die drei Fremden in ihrer Küche trugen schwarze Overalls und Skimasken. Einer von ihnen, der untersetzte, der Alister geschlagen hatte, ließ einen großen Seesack auf den Boden plumpsen. Wie kürzlich durch ihre schlechtere Hälfte bewiesen, waren verdächtige Taschen, die zu nächtlicher Stunde in Küchen gebracht wurden, niemals ein gutes Zeichen.

Der Anführer schien Rionas Blick gefolgt zu sein.

Das war der untersetzte Mann, Mister Dewey. Der größere fuhr fort:

„Wie dem auch sei, ich weiß es zu schätzen, Mrs McIntosh bereits in einem beträchtlichen Maß an Fixierung vorgefunden haben zu können – auch wenn die Gründe hierfür mich nicht zu interessieren haben.“

Der Anführer bedeutete seinem Gefolge, auszuschwärmen.

„Oh, und es erleichterte uns unsere Arbeit, wenn Sie Ihre PIN-Nummern zur Hand hätten.“

„Unbedingt“, stöhnte Alistair.

Riona, geknebelt wie sie war, rollte nur mit den Augen.

Für Leute, die sich vorgenommen hatten, alle weltliche Habe an sich zu nehmen, waren sie ziemlich wählerisch. Der Untersetzte und der dritte Typ würdigten ihre Mobiltelefone keines Blickes, und auch die teuren Laptops ließen sie liegen. Ein wenig ihres Schmuckes fand ein neues Zuhause im Seesack des Untersetzten, aber nur die absoluten Glanzstücke wie ihre Saphirohrringe und der massive Silberhalsreif. Ebenso ignorierten sie Alistairs Armbanduhr, und Riona war unsicher, ob sie sich darüber froh oder enttäuscht sein sollte. Sie war ihr Geschank an ihn zu seinem ersten Geburtstag gewesen, den sie als Mann und Frau gefeiert hatten. Die Uhr war weniger etwas, von dem sie angenommen hatte, es würde ihm gefallen. Vielmehr war es etwas, was ihr an ihm gefallen würde – ein zurückhaltend dimensionierter TAG-Heuer-Chronograph, chronometer-zertifiziert. Er war auf der Rückseite mit einer Gravur um den Glasboden herum versehen:

 

Für Alistair – Möge Sie Niemals Unsere Gemeinsamen Stunden Zu Zählen Aufhören

In Liebe

Ro

 

Sie fragte sich, warum er die Uhr noch immer trug. Vielleicht hatte der Trottel die Widmung einfach vergessen. Das Erscheinen ihrer Gäste hatte die Situation nur noch mehr verkompliziert. Aber nachdem sie den ersten Schreck überwunden hatte – den zweiten an diesem Abend – , sah Riona die Möglichkeiten. In den mundfüllenden Ball grunzend suchte sie Augenkontakt mit dem Anführer.

„Wie kann ich Ihnen helfen, Mrs McIntosh?“

„‘Er Kne’el, ‘itte.“

Er ging vor ihr in die Hocke.

„Und Sie werden von Schmähungen und ähnlichem ungebührlichen Verhalten absehen?“

Riona nickte.

„Nun denn…“

Er erhob sich und griff um sie, um die Schnalle zu lösen. Sobald der Knebel ihren Mund verließ, schrie sie Alistair an:

„Du Scheißkerl, wie kannst du—“

„Und zurück damit…“, kündigte Mister Huey an und führte das vor Speichel glänzende Gummi wieder an ihre Lippen.

„Nein, bitte nicht!“, flehte Riona, ebenso augenblicklich wie berechnend an Hueys urmännlichen Beschützerinstinkt abzielend. „Hören Sie mir zu! Er ist verrückt geworden! Er hat versucht, mich umzubringen! Mir ist egal, was Sie mitnehmen, aber Sie dürfen mich nicht ihm überlassen!“

Mister Huey hielt inne, und sie entschied, noch einen draufzusetzen.

„Bestimmt wollen Sie nicht, daß Ihr Coup in irgendeiner Weise mit einem Mord in Verbindung gebracht wird.“

„Wir bevorzugen den Begriff ‚Operation‘“, informierte sie der Untersetzte, während er seinen Seesack schloß.

„Abgesehen davon“, setzte der Anführer nach, „ist er derzeit nicht in der Position, Ihnen Leid zuzufügen.“

„Du kannst es einfach nicht lassen, was?“, knurrte Alistair.

„Hast du was gesagt?“

„Du must jeden um dich herum manipulieren, sogar ein paar hergelaufene Kriminelle, die in unser Haus einbrechen!“

„Immer mit der Ruhe, Sportsfreund“, warnte Louie, offensichtlich in erster Linie, um sich wichtig zu machen, ohne tatsächlichen Anstoß an der Berufsbeschreibung zu nehmen.

„Weshalb? Ich mußte dem frigiden Miststück lange genug zuhören!“

„Auf einmal bin ich frigide! Du bist jeden Abend so besoffen, daß du überhaupt keinen mehr hochkriegst!“

„Rate mal, warum ich saufe!“

„Weil du ein erbärmlicher, kleiner—“

„Ich haße es, zu unterbrechen, aber meine Geschäftspartner und ich sind nicht den ganzen Weg von Dublin angereist…“, aus Mister Hueys Mund klang es wie „Dobbelen“, „… um Ihren eheliche Differenzen beizuwohnen. Deshalb werden wir uns nun wieder zivilisierterer Umgangsformen bedienen, oder Ihr großer roter freund wird wieder zum Einsatz kommen.“ Er deutete auf den Ballknebel, der wieder um Rionas Hals baumelte, auf das er nicht verloren ging.

Ihr gegenüber lachte Alistair trocken.

„Seit gerade mal zehn Minuten sind die Jungs, und schon sind sie dein Nörgeln genauso satt, wie ich es bin.“

Riona wollte ihm nicht die Genugtuung geben, sie erneut geknebelt zusehen, und so hielt sie sich mit einer passenden Antwort zurück. Sehr viel mehr Gelegenheiten, sich über ihre Nörgelei zu beschweren, würde er eh nicht haben.

~

Die Hinweise in der Küche waren Mister Huey nicht verborgen geblieben. Er ließ seinen Blick über die zerborstenen Reste des Weinglases wandern, hinüber zur Kochinsel mit Sortiment an Werkzeugen und den zuckenden Gasflammen. Der Sammlung nach zu urteilen hatte ein beträchtlicher Aderlaß bevorgestanden – oder seine beiden unfreiwilligen Gastgeber trieben ihre erotischen Rollenspiele sehr weit. Er hoffte auf letzteres, da ansonsten das Hauptziel ihres unangekündigten Besuches in Gefahr geraten könnte.

„Nichts läge mir ferner, als zwei Eheleuten in die Quere zu kommen, die eine schwierige Zeit durchleben“, stellte er klar, während er das Gas abdrehte, „dennoch muß ich einmal mehr um ihre Kooperation ersuchen, um diese Nacht zu einem erfolgreichen Ende zu bringen.“

Nach abgeschlossener Einverleibung von Bargeld, Wertgegenständen, Kreditkarten und PIN-Nummern durch Mister Dewey und Mister Louie konnte ein gewißer Unwille von Mister McIntoshs Gesicht abgelesen werden. Seine bessere Hälfte hingegen zeigte mehr Begeisterung…

~

„Nichts läge mir ferner, als zwei Eheleuten in die Quere zu kommen, die eine schwierige Zeit durchleben“, stellte er klar, während er das Gas abdrehte, „dennoch muß ich einmal mehr um ihre Kooperation ersuchen, um diese Nacht zu einem erfolgreichen Ende zu bringen.“

Mister Hueys Anfrage war ein Steilpaß für Riona.

„Selbstverständlich. Warum beginnen wir nicht mit Mister McIntoshs Porsche?“

Sie sprach den Markennamen absichtlich falsch aus, ließ das e am Wortende weg, wie es im Englischen Usus war. Riona wußte ganz genau, wie sehr sich Alistair immer darüber ärgerte. Niemand durfte abfällig oder beiläufig über dieses Auto sprechen, das ihm mehr als alles andere am Herzen hing. In vier Jahren Ehe – gescheige denn die Zeit davor – hatte er sie die Karre nicht ein einziges Mal fahren lassen.

„Warum beginnen wir nicht damit, Mister Dewey?“, erfragte der Anführer.

Der Untersetzte zuckte mit den Achseln.

„Ein älteres Modell. Baureihe 993. Ein grauer 4S, wenn ich richtig gesehen habe.“

Artik-Silber“, korrigierte Alistair ihn automatisch.

„Was ist so besonders an ihm?“

Dewey zuckte erneut mit den Achseln: „Nun ja…“

„Nichts!“, beeilte sich Alistair einzuwerfen. „Sie weiß nicht, wovon sie—“

„Er ist der letzte, der gebaut und ausgeliefert wurde.“

„Halt’ die Klappe!“, zischte er.

Sie lehnte sich vor, formte jedes Wort mit abgrundtiefer Genugtuung.

„Er ist das doppelte seines Neupreises wert.“

„Halt’ die Schnauze!“

„Komm’ doch ‘rüber und zwing’ mich dazu.“

„Du Miststück“, knurrte er, „du verfluchtes Miststück.“

Sie grinste und streckte ihm die Zunge heraus.

„Der letzte komplett luftgekühlte 911…“, wägte Huey ab. „Nun, in diesem Fall: Wir haben einige diskrete Sammler an der Hand, die Interesse an solch einem Kleinod hegen dürften.“

„Und leichter zu transportieren als ein Fernseher“, warf Mister Louie ein

„In der Tat auto-mobil…“, sinnierte der Anführer. „Obwohl ich davon ausgehe, daß Mrs McIntosh hinsichtlich des Zeitwertes übertrieben hat, werde ich eine Übernahme in Betracht ziehen. Wenn Sie mir den Weg zu den Schlüsseln weisen könnten?“

„In seiner Unterhose.“

Unter seiner Sturmhaube zog er die Brauen zusammen, aber Mister Dewey zuckte nur wieder mit den Achseln und begann, Alistairs Schritt zu befühlen.

~

„Laß’ das!“, schrie Alistair in einer Stimme auf, die höher war als geplant. Der Volltrottel nahm Rionas Unsinn tatsächlich ernst!

„Würden Sie bitte erst seine Taschen prüfen“, empfahl der Anführer.

Ihres Spaßes beraubt durch Hueys Einschreiten gab Riona den Tip, auf dem ōdana neben der Treppe nachzusehen. Dort pflegte Alistair für gewöhnlich, seine Schlüssel abzulegen.

Louie glotzte sie mit großen Augen an.

„Ein was?“

„Ein ein tisch- oder kommodenartiges Möbelstück zur Verwendung in japanischen Teezeremonien“, stellte der Anführer klar, als ständen ōdana an jeder Straßenecke Dublins. „Mister Dewey, wären Sie so freundlich?“

Als der untersetzte Kerl mit dem Schlüsselbund zurückkehrte, wähnte sich Riona in einer guten Verhandlungsposition.

„Großartig. Nun, da ich so toll kooperiert habe und Ihre Kumpels ein neues Wort lernen durften, wäre es nicht angebracht, meine Fesseln zu lösen? Nur so als Geste?“

„Ich fürchte, dies würde die falsche Botschaft aussenden. Ganz zu schweigen davon, daß es noch etwas zu früh ist, Ihnen volle Bewegungsfreiheit zu gewähren.“

„Sieht so aus, als wäre dein Bestechungsversuch daneben gegangen, du hinterhältige Schlampe“, lachte Alistair bitter. „Du bleibst auf deinem Stuhl, genauso wie ich auf meinem bleibe.“

„Eine vernachläßigbare Unannehmlichkeit dafür, in der ersten Reihe zu sitzen, um zu sehen, was passiert.“

Schon wieder eine dieser Andeutungen! Was er am meisten an ihr haßte – gemessen an der Häufigkeit sogar der Kernpunkt allen, was er an ihr haßte – , war diese verdammte Vorliebe für Doppeldeutigkeiten, Seitenhiebe und offen boshafte Kommentare. Einzig dazu da, sein Leben zu vermiesen. Könnte er sie permanent geknebelt halten, wäre sie die perfekte Gefährtin.

„Und was wäre das, hm? Was wird so tolles passieren, das es in der Lage sein wird, dich ungeachtet unserer Situation zu amüsieren?“

„Du willst es wirklich wissen? Fein. Da du dank unserer Gäste nicht länger in der Position bist, mir zu schaden, gönne ich mir den zusätzlichen Spaß, deinem schlappschwänzigen Gejammer zu lauschen, das unweigerlich kommen wird: Ich habe dich vergiftet.“

~

Das tat gut!

Riona konnte kaum glauben, wie befreiend es war, diese vier Worte auszusprechen. Mit Genugtuung verfolgte sie Alistairs Schwanken zwischen Zweifel und Unglaube.

„Schwachsinn!“, entschied er.

Sie zuckte nonchalant ihre Achseln, soweit es ihr in ihrer verspannten Position möglich war.

„Wie?“

„Interessant. Vor fünf Sekunden war es Schwachsinn, und jetzt sind wir beim ‚wie‘ angelangt.“

Hinter Mister Huey wurden seine beiden Komplizen etwas unruhig. Der Anführer selbst sah die Notwendigkeit gegeben, einzuschreiten:

„Besteht die Möglichkeit, daß der Kommentar Ihrer werten Gattin rein metaphorisch zu betrachten ist?“

„Sie saugt sich das aus den Fingern! Wo könnte sie überhaupt—“

„In deinen bescheuerten Anti-Stress-Kaugummies“, log sie. Kein Grund, irgendjemanden auf komische Ideen zu bringen. Sie hatte tatsächlich in Betracht gezogen, die Kaugummies zu tränken. Aber neben der Schwierigkeit, die toxische Flüssigkeit vor dem Wiederverpacken eintrocknen zu lassen, war da das Problem mit dem Geschmack gewesen. Das Gift ihrer Wahl war das Extrakt aus Alsangania atrosanguinea, in dieser Gegend besser bekannt als Blutwurz oder Rotwurz. Das Kraut besaß eine einzigartige Kombination aus Bitterkeit und Süße, die nicht zu Pfefferminze paßte. Sie hatte sich den Effekt vorgestellt wie jenen, der eintrat, wenn man nach dem Zähneputzen Orangensaft trank. Doch glücklicherweise stand ja immer eine Flasche Auchentoshan Classic herum. Riona hatte einen kleinen Schluck probiert – natürlich ohne Blutwurz. Der komplexe Geschmack des Scotchs hatte sich als perfekt erwiesen. Da war die Schärfe des Alkohols gewesen ebenso wie fruchtige Elemente auf ihrer Zunge, die sie an Äpfel erinnert hatten.

„Schwachsinn“, konstatierte Alistair erneut, als ob Wiederholen die Faktenlage zu ändern vermochte. Er sah nicht gut aus. Vielleicht war es der Alk, oder es war der Stress. Aber Riona hatte eine dritte Theorie. Sie wußte nicht genau, wann der Haupteffekt eintreten würde, möglicherweise beeinflußte der Alkohol den Effekt. Aber sie hatte eine ziemlich gute Vorstellung von dem, was passieren würde, sobald das Gift seine volle Wirkung im Organismus entfaltet haben würde. Das Resultat würde ein schneller, schmerzloser Tod sein – nach etwa zehn Minuten voll unerträglicher Krämpfe. Zwei Stunden später würde keine Spur der Substanz mehr im Körper zu finden sein, wenn man nicht genau wußte, wonach man zu suchen hatte.

„Deine Entscheidung. Sag’ mir bescheid, wie es ausgegangen ist.“

Sie ließ ihre Entgegnung zwischen Frage und Aussage schweben; eine Gewohnheit, von der sie wußte, daß sie Alistair in besonderem Maße nervös machte.

~

Natürlich wollte er es nicht wahrhaben, aber je mehr Alistair über Rionas Behauptung nachdachte, desto glaubhafter erschien sie. „Heißer als die Höllenglut brennt verschmähter Weiber Wut…“, und so weiter. Insgeheim hatte er bereits angefangen, im Kopf die Anti-Stress-Kaugummis zu zählen, die er heute gekaut hatte.

„Nun, dies ist eine verdrießliche Entwicklung“, seufzte Huey.

„Was interessiert euch das? Verschafft euch ein Alibi für seinen Todeszeitpunkt. Mein Angebot steht: Nehmt, was ihr haben wollt, und schneidet mich los, bevor ihr abhaut.“

„Und was ein großzügiges Angebot es ist. Die Sache ist nur, daß noch ein letzter Punkt auf unserer Wunschliste abgehakt werden muß.“

Seine Frau blickte Mister Huey finster an.

„Ihr habt unser Geld, unsere Wertsachen, ihr habt seine blöde Karre. Was denn noch?“

„Vielleicht solltest du dein Angebot noch um einen freien Blowjob für jeden erweitern“, schlug Alistair vor. Wie erhofft errötete Riona sichtlich.

Oralverkehr war ein Thema, welches seine bessere Hälfte konsequent vermied – trotz oder wegen der Tatsache, daß sie der Praktik selbst nicht immer mit derselben Konsequenz gegenübergestanden hatte. Um ihren nächtlichen Besuchern diesbezüglich Klarheit zu verschaffen, fügte er leicht übertreibend hinzu:

„Hat brav geblasen, ohne einmal zu würgen.“

„Sollen wir ausdiskutieren, warum ich nicht würgen mußte, Kurzer?“

„Unbestreitbar erreicht diese Unterhaltung mit der Einbeziehung intimer Details einen kritischen Punkt, weshalb ich mich genötigt sehe, deeskalierend einzugreifen“, entschied Mister Huey. „Was bedeutet, mindestens einem von Ihnen unter Schweigezwang zu stellen. Es würde auf Sie hinauslaufen, Mrs McIntosh, was weder persönliche noch misogynistische Gründe hat – Sie sind nur bereits mit einem passenden Artikel ausgestattet.“

Mit erstaunlichem Geschick zwängte er den Knebel zurück in Rionas Mund, ungeachtet ihres heftigen Widerstandes. Sie zuckte zusammen, als er das Lederband straffte, und verbiß sich trotzig in die Gummikugel. Alistair versuchte gar nicht erst, seine Schadenfreude zu verstecken, was ihm einen verächtlichen Blick einbrachte – das schlimmste, was zu tun sie nun in der Lage war. Sah nicht so aus, als ob ihr Angebot Anklang gefunden hätte. Armes Mädel…

Mister Huey war entschlossen, sich während seines großen Moments nicht unterbrechen zu lassen:

„Morgen früh, oder…“, er prüfte seine protzige Fliegeruhr mit einer affektierten Armbewegung, „… um präzise zu sein, heute früh wird Mister McIntosh eine gewiße Filiale der Royal Bank of Scotland in Edinburgh betreten. Jene Filiale, die am weitesten entfernt sowohl von seinem wie von dem Büro seiner Gattin liegt. Jene Filiale, in welcher er ein bestimmtes Schließfach gemietet hat.“

Riona warf ihren Kopf herum.

„’Echech ’Ach?“

„Verzeihung?“

Sie schaffte es, den herrlich effektiven Ball über ihre Lippen zu schieben.

„Welch—“

Der Ball sprang zurück in ihren Mund, und sie knurrte frustriert.

„Arrgh! ’Echech ’Iech’ach?!“

„Jenes Schließfach, worüber Ihr Gatte Sie zu unterrichten versäumt hat. Welches dasselbe Schließfach ist, in dem er gewißes sensibles Material bezüglich des Claymore-Kundenstammes aufbewahrt. Ohne Wissen seines Arbeitgebers, sollte erwähnt werden.“

Alistair schätzte, daß es nun an ihm war, zu erröten, aber sein Gesicht konnte sich nicht entscheiden, ob es rot oder blaß werden sollte. Diese Spinner wußten vom Schließfach und seinem Inhalt!

„Wie ich erwähnte wird Mister McIntosh die Bank in seiner Funktion als Schließfachbesitzer betreten, den Inhalt entnehmen und sich sodann wieder bei unserem Fahrzeug zwecks Übergabe einfinden.“

„Und warum genau werde ich das tun?“

„Weil Ihre geliebte Gattin als Geisel gehalten und für jeden Mangel an Kooperation Ihrerseits teuer bezahlen wird.“

Alister warf den Kopf zurück und stieß ein trockenes Lachen aus.

„Ich mache, was immer ihr wollt, aber bitte tut ihr nicht weh! Nee, mal im Ernst: Das wird euch jetzt vielleicht überraschen, aber bei meiner Gattin und mir kriselt es gerade ein bißchen.“

„Im Lichte der Ereignisse dieser Nacht betrachtet weist der Plan in der Tat den ein oder anderen Mangel auf, das muß ich eingestehen.“

~

Er mußte um die Ecke denken, verordnete Mister Huey sich selbst. Er mußte seinen unbestreitbar rasiermesserscharfen Intellekt einsetzen. Mister McIntoshs Gattin als Druckmittel zu benutzen, war für die Operation essentiell. Er konnte niemanden zusammen mit Mister McIntosh in die Bank schicken, nicht in ein Gebäude, daß vor Überwachungskameras nur so strotzte. Wenn man ihn nicht zur Zusammenarbeit zwingen konnte, indem man drohte, seine Ehefrau zu töten, mußte man ihm halt eine Belohnung in Aussicht stellen.

„Wir töten Ihre Gattin für Sie.“

„Ha, und habt den ganzen Spaß?“

„Gut, Sie können sie töten, und wir kümmern uns um den Leichnam.“

„Ich weiß nicht so recht…“

„Wir lassen die Leiche verschwinden, und Sie bekommen Ihre Autoschlüssel zurück.“ Er ließ das Bund in den Schoß seines Gastgebers fallen. Der junge Mann zögerte jedoch weiterhin. Er musterte seine Ehefrau, die ihn im Gegenzug finster anstarrte, während sie auf dem Ballknebel heraumkaute.

„Was beschäftigt Sie, Mister McIntosh?“

Er druckste herum, bevor er seine Befürchtung in Worte faßte:

„An ihrer Vergiftungsgeschichte könnte was dran sein…“

Weshalb konnte nicht einmal – einmal! – ein Plan so aufgehen, wie er sollte?! Er wandte sich zur gefesselten und geknebelten Riona um und suchte in ihren autoritären Zügen nach Hinweisen auf einen Bluff.

„Ernsthaft, Mrs McIntosh: Sind Sie ein böses Mädchen gewesen?“

~

Es hatte Riona bereits während Hueys kleiner Ansprache gedämmert, daß es nicht unbedingt klug gewesen war, ihrem Mann die Faktenlage darzulegen. Diese drei Leprechauns hatten große Pläne mit Alistair, Pläne, die ihr kräuterkundlicher Exkurs durchkreuzt hatte.

„Ernsthaft, Mrs McIntosh: Sind Sie ein böses Mädchen gewesen?“

Er kam näher, um sie von dem elenden SM-Ball zu befreien, ließ seine Hand jedoch in ihrem Nacken verharren.

„Nocheinmal: kein Fluchen oder Zetern. Eine erneute Zuwiderhandlung wird disziplinarische Maßnahmen nach sich ziehen.“

Dann öffnete Mister Huey zu Rionas unendlicher Erleichterung die Schnalle. Sie bewegte ihren Kiefer, um wieder Gefühl hineinzubekommen. Mann, war dieser Knebel übel!

„Ich nehme an, Sie möchten mir etwas mitteilen…“

„Irgendwas spezielles im Sinn?“

„Wie wär’s mit dem Gegengift?“

„Genau, wo ist das scheiß Gegengift?“

„Mister McIntosh, bitte. Ich bin sicher, daß Ihre bezaubernde Gattin sehr viel zugänglicher ist, wenn sie nicht angeschrien wird“, erklärte der Anführer, um sich dann erneut Riona zuzuwenden: „Darf ich Sie um etwas Milch bitten?“

„Klar“, antwortete sich nonchalant. Sie hatte eine Ahnung, worauf er abzielte. Soweit sie wußte, würde es das Unvermeidliche nur beschleunigen.

„Milch bei einer Vergiftung? Ist das nicht nur was aus schlechten Filmen?“

„Mitnichten, Mister McIntosh. Einer meiner Onkel – aus offensichtlichen Gründen kann ich keine Namen nennen – hat versehentlich einmal eine fatale Kombination von Pharmazeutika eingenommen und umgehend Milch getrunken, um die Wirkstoffe zu neutralisieren.“

„Und er hat überlebt?“

„Nein. Er starb an Lebensmittelvergiftung, da die Milch ihr Verfallsdatum beträchtlichst überschritten hatte. Was jedoch nichts an der Grundaussage ändert.“

Ein Lichtkeil fiel auf den gefliesten Küchenboden, als Huey den Kühlschrank öffnete und eine Milchflasche herausnahm.

„Ah, die guten Glasflaschen…!“

Er entfernte die Kappe, machte aber keine Anstalten, wenigstens eine Hand seines Gastgebers zu befreien.

„Die ganze Flasche?“

„Es ist in Ihrem eigenen Interesse.“

Mit beinahe morbider Faszination beobachtete Riona ihren Mann, wie er langsam die Flasche leerte. Einige Tropfen rannen sein Kinn hinunter, auf sein Hemd, seine Krawatte und seine Weste. Wenn sie sich nicht irrte, würde das Milchfett den Giftstoff nur noch schneller in seinen Organismus transportieren. Aber wie kam sie dazu, Mister Hueys verblichenem Onkel zu widersprechen?

Der Anführer stellte die leere Flasche in die Spüle.

„Das sollte uns etwas Zeit verschaffen. Dennoch muß ich nachdrücklich jenes ominöse Gegengift von Ihnen einfordern, Mrs McIntosh.“

Riona legte den Kopf schief.

„Was läßt euch alle glauben, es gebe ein Gegenmittel? Da ist keines, punktum.“ Sie sah am Anführer vorbei ihren Mann an: „Du bist so gut wie tot. Trag’ es wie ein Mann.“

„Du lügst!“, wütete er zurück. Wenn er ihr sowieso nicht glaubte, warum fragte er dann immer wieder?

„Ich tendiere dazu, Mister McIntosh zuzustimmen. Sie scheinen mir eine zu umsichtige Person zu sein, als daß Sie mit tödlichen Substanzen hantierten, ohne einen Notfallplan zu haben…“

Wo er recht hatte, hatte er recht.

„Jeder Fingerzeig hin zum fraglichen Gegengift wäre höchstwillkomen.“

„Leider nein, leider gar nicht. Würde den Spaß verderben.“

Ihr gegenüber begann Alistair, Nerven zu zeigen – sehr zu ihrer Genugtuung. Seine resultierende Forderung war jedoch weniger nach ihrem Geschmack.

„Was redest du immer noch ’rum?! Schieb’ ihr den Elektroschocker in die Möse!“

„Tut uns leid. Eine Frau zu foltern, bringt Unglück“, wußte Mister Dewey.

„Nicht soviel, wie eine zu heiraten. Schneidet mich los, ich mach’ es selbst!“

„Ich begrüße Ihren Enthusiasmus, in dieser verzwickten Situation auszuhelfen. Aber bedauerlicherweise ist Ihr Vorschlages nicht konform mit unserer Vorgehensweise.“

Ihr Ehemann stöhnte frustriert, aber Riona war alles andere als erleichtert. Sie wußte sehr wohl, daß ihr die Optionen ausgingen. Was auch immer in diesem Schließfach wartete war der wahre Grund für den Besuch der drei Typen und wahrscheinlich soviel wert, um ihre bisherige Beute zu Kleingeld zu degradieren. In seiner idiotischen Rede, die er gehalten hatte, nachdem er sie an den Stuhl gefesselt hatte, hatte Alistair unwissentlich ein wahres Wort gesprochen: Früher oder später würde dies eine häßliche Sache werden. Sie entschied, zu nehmen, was sie kriegen konnte.

„Ich verrate es euch… unter einer Bedingung.“

„Und die wäre?“

„Fickt ihn.“

Alistairs Kopf schnellte ungläubig hoch, und zum erstenmal zeigten Mister Hueys Augen echtes Unverständnis.

„Ich bitte um Verzeihung, Mrs McIntosh. Nannten Sie gerade die Notzucht ihres Gatten als Bedingung für Ihre Kooperation?“

„Ich will nicht, daß ihr ihn notzüchtigt. Ich will, daß ihr ihn durchzieht wie eine kleine Knastnutte.“

Wie nicht anders zu erwarten, tobte Alistair auf seinem Stuhl.

„Du bist krank! Was ist bei dir bloß falsch gelaufen?! Und du wunderst dich immer noch, daß ich dich kaltmachen wollte?!“

„Ihr beiden habt echte Probleme“, attestierte Louie.

„Worüber ich mich noch immer wundere, ist, wie du es geschafft hast, dir nicht selber einen mit dem Schocker zu verpassen, Killer“, zischte Riona zurück, Louies Einwurf ignorierend.

Bemüht, die Diskussion wieder auf eine professionellere Eben zu hieven, erhob Mister Huey seine Stimme unter der Skimaske.

„Mrs McIntoshs Vorschlag verlangt nach einer etwas intensiveren Beleuchtung. Wenn Sie uns für einen Moment entschuldigen möchten…“

Er bedeutete Mister Dewey und Mister Louie, ihm in das Wohnzimmer zu folgen.

~

„Auf keinen Fall mache ich solche Homoscheiße! Hält uns die Tusse für irgendwelche Schwuchteln?!“

Während Mister Louies Ausbruch von einem emotionalen Standpunkt zeugten, näherte sich ein achselzuckender Mister Dewey der Situation in rationaler Weise:

„Ich würde es für das Geld machen, aber nicht, wenn sie zusieht. Ich mag es nicht, wenn mir jemand bei sowas zusieht.“

Mister Huey hingegen sah keine Möglichkeit, sich einzubringen.

„Da ich mich in einer festen Beziehung befinde, muß ich mich von dieser Aufgabe leider ausschließen. Geschlechtsverkehr gleich welcher Art mit einer dritten Partei ist als Betrug zu werten. Und wir sind gerade Zeuge geworden, was der Verlust gegenseitigen Vertrauens für eine Ehe bedeutet.“

„Wir könnten ihn hierher bringen und ein paar Geräusche machen, damit die irre Perle glaubt, ihr Mann bekommt einen verpaßt“, schlug Louie vor. Sein Vorschlag fand jedoch wenig Anklang beim Anführer.

„Würde dies der Operation nicht eine zu burleske Note verleihen?“

~

„Sie bestimmen gerade die Reihenfolge.“

Und damit die drei Einbrecher sie hören konnten, fügte Riona etwas lauter hinzu:

„Der mit dem größten Schwanz fängt an, für maximale Wirkung!“

Offensichtlich gewillt, mit seiner Frau mitzuhalten, konterte Alistair:

„Laßt euch nicht von ihr bequatschen! Setzt sie mit ihrem Arsch auf den Gasherd und besorgt mir das verfickte Gegenmittel! Dann geht’s morgen in die Bank, und alle sind glücklich!“

„Du hörst dich etwas besorgt an, Schatz…“

„Besorgt? Warum sollte ich besorgt sein? Die ziehen da drüben keine Streichhölzer. Diese Penner debattieren gerade darüber, wie sie deinen verlogenen Arsch am besten massakrieren.“

Sie stieß ein kurzes überhebliches Lachen aus.

„Das wird dir noch vergehen“, fuhr Alistair fort. „Alles, was ich machen muß, ist hier sitzen bleiben und zuschauen, wie sie das Gegenmittel aus dir heraustorquieren.“

„Ziemlich schwieriges Wort“, giftete Riona zurück. „Wenn sie in Stimmung sind – und der Inhalt des Schließfaches wird schon dafür sorgen – , kommen sie innerhalb von drei Minuten in deinem Arsch. Ich hingegen kann bestimmt alles, was die sich ausdenken, mindestens eine halbe Stunde aushalten. Eine einfache Rechnung; sie können keine Zeit an mir vergeuden.“

„Eine halbe Stunde? Du wirst wie ein Schulmädchen schreien, sobald sie dich anfassen!“

„Sagt derjenige, den sie gleich…“, Sie schnalzte mit der Zunge. „Ich hoffe, es wird der Untersetzte sein.“

„Im Ernst, du brauchst professionelle Hilfe. Wäre echt interessant, herauszufinden, wo diese abnorme Veranlagung herrührt. Ich bin nur neugierig. Irgendwas während deiner Kindheit?“

„Ha, das sagt der Richtige! Jemand, der vorhat, mich zu Tode zu foltern! Aber wenn du es unbedingt wissen mußt: Das ist für all die Male, die du mich überreden wolltest, dich an meinen Hintern zu lassen! ‚Unsere Drecks-Beziehung vertiefen?!‘ ‚Eine neue verfickte Intimitätsebene erkunden?!‘ Das hast du dir so gedacht!“

„Zumindest habe ich versucht, unsere Beziehung zu vertiefen – und zu verhindern, daß sie zu sowas wie… dem hier wird.“

„Erzählst du der blonden Nutte dieselbe Scheiße? Hat sie sich schon für dich gebückt, du perverse Sau?! Jetzt bekommst du Gelegenheit, deine Beziehung mit Tick, Trick und Track zu vertiefen.“

Wie auf Stichwort betraten Huey, Dewey und Louie die Küche. Während der Untersetzte sich im Hintergrund hielt und Mister Louie sich ein Heineken aus dem Kühlschrank gönnte, lehnte sich der Anführer selbstgefällig gegen die Kochinsel, von wo aus er einen guten Blick auf seine beiden Gastgeber hatte. Riona beugte sich zu Alistair vor, soweit es ihre Fesseln zuließen.

„Quiek’ wie ein Schwein!“

Mister Huey räusperte sich.

„Wir sind zu einer Entscheidung gelangt, die ihrer beider Kooperation sicherstellen wird.“

Sie hatte beinahe Mitleid mit Alistair. Um ehrlich zu sein, war wiederholte homosexuelle Schändung nicht unbedingt das gewesen, was sie ihm vor dem Traualtar gewünscht hatte. Aber er konnte ein solcher Waschlappen sein! Riona war sich sehr wohl ihrer zweifelhaften Vorliebe für Zank bewußt, und welchen Effekt diese auf einen so harmoniebedürftigen Menschen wie Alistair hatte. Ein lautes Wort von ihr, und er knickte ein, was sie nur noch mehr verärgerte. Wenn sie so darüber nachdachte, war seine Aktion mit dem Elektroschocker das erste Mal gewesen, daß er sich ihr gegenüber behauptet hatte.

„Die Sache ist die…“, fuhr Huey fort, „… daß wir nicht zu Akten gleichgeschlechtlicher Liebe tendieren. Weswegen wir beschlossen haben, Mister McIntosh nicht unziemlich zu berühren. Dies bringt uns bedauerlicherweise zum Punkt, Mrs McIntosh auf anderem Wege dazu zu bewegen, die Natur des Gegengiftes preiszugeben.“

Riona spürte einen Kloß im Hals. Vielleicht war es an ihr, wie ein Schein zu quieken.

~

Ro sah auf einmal gar nicht mehr so selbstgefällig aus. Sie hatte es ja darauf angelegt. Warum mußte sie auch immer so verdammt stur sein?! Nicht genug, daß die Frau, der er einst ewige Liebe geschworen hatte, ihn verachtete. Sie wollte ihn auch noch tot sehen. Und dennoch: Warum konnte er sich nicht einfach zurücklehnen und die sich anbahnende Sondervorstellung genießen? Er war nicht der kranke Dreckskerl, für den sie ihn hielt; wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte er sie niemals zu Tode foltern wollen – er hatte sie nur ein bißchen foltern und dann normal umbringen wollen. Er hätte die Kontrolle über das gehabt, was mit Ro passiert wäre. Aber jetzt hatte das Trio das Sagen, und er fühlte sich übergangen. Es war immerhin eine intime Handlung, seinen Ehepartner zu quälen. Das Gegenmittel mußte er haben, aber er hätte es lieber gesehen, daß seine Frau es ihm aus freien Stücken gab. Ein dunkler Gedanke schloß sich an, und einmal gedacht, konnte Alistair ihn nicht mehr abschütteln.

Was wenn diese drei Trottel beim Versuch, sie zum Reden zu bringen, Scheiße bauten? Wenn sie ihr einen Finger abschnitten oder eine Rasierklinge durch das Auge zogen?

Sie hatte die ganze Zeit über recht gehabt, scholt er sich. Was für eine Flasche er doch war! Hier saß er und hoffte, daß das Miststück, das ihn drangsaliert und vergiftet hatte, mit einem blauen Auge davonkam!

Anscheinend hatte sich der Anführer jedoch für eine andere Herangehensweise entschieden.

„Mister Louie, wenn Sie so freundlich wären, mir die Mobiltelefone herüberzureichen.“

Louie holte die beiden Smartphones vom Küchentisch, wo sie deponiert worden waren, nachdem sie als unwürdig für den Seesack seines Kumpels befunden worden waren.

„Gemeinsame Hintergrundbilder – wie romantisch…“

Er machte sich mit den Geräten vertraut, bevor er weitersprach.

„Mrs McIntoshs zahlreichen Andeutungen zufolge müssen wir Mister McIntosh das Gegengift bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit verabreichen. Dies wird uns ohne jedwedes Druckmittel zurücklassen, sobald er die Bank betreten und somit unseren Einflußbereich verlassen haben wird.“

Trotz Mister Hueys wortgewandter Einleitung verstand Alistair nicht, was er im Schilde führte. Und so war er leicht irritiert, als der Anführer ein Foto von ihm mit Rionas Telefon schoß und sich dann an sie wandte.

„Würden Sie einen Blick in die Kontaktliste werfen“, fragte Huey, während er ihr das zweite Smartphone – Alistairs – vor das Gesicht hielt.

„Welche jener Personen, die nur mit ihrem Vornamen eingetragen sind, würden sie als den besten Freund ihres Gatten benennen?“

Riona musterte ihn mißtrauisch.

„Wieso?“

„Vertrauen Sie mir: Dies ist um einiges zivilisierter als die Alternative.“

Sie blickte ihn weiterhin finster an, doch antwortete schließlich, ohne auf das Display zu schauen.

„Versuch’ Ewan.“

Huey begann, mit beiden Geräten zu hantieren.

„Ewan erhielt soeben ein Bild, welches seinen besten Freund an einen Stuhl gebunden zeigt, gesendet von Ihrem Telefon, Mrs McIntosh – natürlich begleitet von einigen humorvollen Zeilen, damit er es nicht ernstnimmt und die Polizei ruft. Stellen Sie sich jedoch vor, er erführe von Mister McIntoshs vorzeitigem Ableben! Sowohl er als auch die zuständigen Behörden sähen die Fotografie in einem gänzlich anderen Lichte.“

Ein cleverer Plan, das mußte Alistair eingestehen – obgleich er nicht wußte, was er Ewan erzählen sollte.

„Die gleiche Frage an Sie, Mister McIntosh.“

„Warum an mich? Besorgt mir einfach das verdammte Gegengift!“

„Ihre Gattin wird sich wohler fühlen, wenn sie sicher sein kann, nicht von Ihnen ermordet zu werden, sobald Sie es haben.“

„Ich werde mich aber wohler fühlen, wenn ich genau darauf freuen kann.“

„Meine Partner und ich schätzen es, unsere Operation nicht mit Tötungsdelikten in Verbindung gebracht zu wissen – in diesem Punkt hatte ihre Gattin recht gehabt.“

„Keine Chance, sie ist fällig. Oder ich schicke die Bullen hierher, sobald ich in der Bank bin.“

„Wo sie Ihre Gattin vorfinden werden, nur allzu willig, Sie des versuchten Mordes zu beschuldigen. Selbstredend wird sie auch das Schließfach und seinen Inhalt erwähnen, da sie sich sowieso keinen Zugang dazu verschaffen kann.“

Mist.

„Berücksichtigen Sie – und dies gilt für Sie beide – , daß es sehr viel einfacher sein wird, diese Bilder Ihren jeweiligen Freunden zu erklären, wenn beide von Ihnen am Leben sind, als der Polizei, mit einem von Ihnen tot. Ist jeder zu einem Höchstgrad an Einsicht gelangt?“

In der Tat ein cleverer Plan…

„Nun, Mister McIntosh“, erkundigte sich der Anführer, „irgendwelche Präferenzen bezüglich des Empfängers des nächsten Fotos?“

Alistair lachte trocken. Wenn er seiner Frau schon eine Lebensversicherung verschaffen mußte, konnte er wenigstens seinen Spaß haben.

„Shannon.“

Ihm gegenüber stöhnte Riona auf, wohlwissend, daß sie sich bis in alle Ewigkeit Sticheleien über Fesselspielchen würde anhören dürfen, sobald Shannon so ein Bild zu sehen bekam.

„Nehmt mir wenigstens diesen perversen Ballknebel vom Hals!“

Sehr zu Alistairs Enttäuschung tat Mister Huey ihr den Gefallen und legte die Fetischapparatur auf der Kücheninsel ab. Wieder war das simulierte Klicken eines Kameraverschlußes zu hören. Zufrieden mit seiner Arbeit trat der Anführer einen Schritt zurück und übergab die Telefone an Mister Louie, welcher noch immer sein Bier genoß.

„Du hast den Mann gehört, Ro. Verrätst du mir jetzt was über das Gegenmittel?“

Riona nahm sich Zeit, hob ihr Kinn, überprüfte die Makellosigkeit der edelstählen Abzugshaube. Dann seufzte sie und sah ihn an, als wäre er eine bemitleidenswerte Kreatur, unfähig, irgendetwas ohne ihre Hilfe zustande zu bringen.

„Na gut, wenn es sein muß…“

„Und?“

„Und was, Liebling?“

„Riona!“

Sie begegnete seiner ungebührlichen Hast mit einem tiefen Stöhnen.

„Alsangania.“

„Blutwurz?“, hakte Huey nach.

„Ja.“

„Du hast mich mit Blutwurz vergiftet?!“

„Es ist mir bisher nie aufgefallen, daß diese Küche ein Echo hat“, entgegnete sie bissig.

~

Anscheinend hatte Alistair die eine oder andere Geschichte über die Drangsale einer Blutwurzvergiftung gehört. Er war kreidebleich, als er wieder sprach.

„Okay, das ist nicht mehr lustig, Ro. Gib mir einfach das Gegengift.“

Als eine Frau mit sehr feinem Gespühr für Details amüsierte es sie, wie ihr Trinker von Ehemann ziellos zwischen ihrem richtigen und ihrem Spitznamen hin- und herwechselte. Als er sie eher in der Nacht Ro genannt hatte, hatte dies aus whisky-seligkeit oder sogar Ausgelassenheit herrühren gemocht. Jetzt war es der verzweifelte Versuch, an die waidwunden Überbleibsel ihrer Beziehung zu appellieren. So verzweifelt, wie den Ernst der Lage dadurch zu betonen, sie Riona zu nennen. Sie würde es noch etwas weiter treiben, vielleicht bis die ersten Krämpfe einsetzten würden.

„Sag’ ‚bitte, bitte‘.“

„Mrs McIntosh, Sie hatten nun wirklich Ihren Spaß“, ermahnte sie Huey, und der Untersetze baute sich unangenehm nahe an Alistairs Werkzeugkollektion auf.

Spielverderber.

„Der Medizinschrank im großen Badezimmer. Der Flakon auf dem obersten Bord.“

„Mister Louie, wenn Sie so gütig wären…“

Louie stellte widerwillig sein Bier auf den Tresen und verließ die Küche. Sie hörte ihn die Treppe hochstampfen und Türen im ersten Stock öffnen. Nach einer kurzen Weile drang seine Stimme zu ihnen herunter.

„Welcher nochmal?“

Riona verdrehte die Augen und rief zurück: „Der, auf dem steht: ‚Gegengift – nicht Alistair geben‘!“

Sie warf dem Anführer einen Blick zu.

„Es ist schwer, heutzutage gutes Personal zu finden, nicht war?“

„Danke, daß Sie darauf hinweisen, Mrs McIntosh.“

Zu ihrer größten Überraschung kam Louie mit dem richtigen Gegenstand zurück: einem kleinen Fläschchen, welches sie mit einem alten Etikett beklebt hatte, um es abzudichten und wie eine Parfümprobe aussehen zu lassen – nur falls ihr Ehegatte neugierig würde.

„Das hier?“

Sie nickte. Eine Kopfbewegung, die ihr weniger schwerfiel, als sie gedacht hatte. Eigentlich war es nicht einmal so sehr die Tatsache, daß Alistair mit dem Leben davonkam, die sie ärgerte, sondern die, daß Huey sie ausmanövriert hatte. Und so war es nur angebracht, daß ihm die Ehre zuteil wurde, das Siegel chirurgisch mit dem Brechklingenmesser zu entfernen und das Gegengift einzuflößen. Alistair schluckte die klare, stark riechende Flüssigkeit gierig herunter und verzog das Gesicht. Ihr untreuer, sexuell abartiger Ehemann würde also nicht durch ihre Hand sterben. Wie enttäuschend.

„Und jetzt?“, fragte Louie.

„Nun werden wir warten“, kam die Antwort seines Anführers. „Und da wir so viele Widrigkeiten überwunden haben, halte ich es nicht für unangebracht, die Gläser für eine kleine Stärkung zu erheben.“

„Gute Idee! Aber nicht mit dieser grünen Pisse.“

Er schob die leere Bierflasche von sich weg.

„Bitte versäumen Sie nicht, Ihren Speichel abzuwaschen.“

Mister Louie murrte, tat jedoch, wie ihm geheißen. Währenddessen verschwand der Untersetzte im Wohnzimmer und tauchte mit einer fast vollen Flasche wieder auf. Seine umtriebigen Augen mußten die Hausbar schon lange entdeckt haben.

„Ah, sehr gut, Mister Dewey“, lobte der Anführer, „ausgezeichnet!“

Er übernahm die Beute von seinem „Geschäftspartner“, um das Ettiket zu studieren.

„Lowland Malt, dreifach destilliert – angemessen.“

„He, das ist meine letzte Flasche!“, protestierte Alistair, während der den Kopf hin- und herdrehte, um zu sehen, was hinter seinem Rücken ablief.

Weder er noch einer ihrer ungebetenen Gäste bemerkten, wie Rionas Augen in Richtung der leeren Whiskyflasche auf der Kücheninsel zuckten. Jener Flasche, aus der ihr Mann die ganze Nacht über getrunken hatte. Nicht, daß dies noch von Bedeutung wäre. Sie hatte bereits das Graue Ettiket auf der vollen Flasche erkannt, die Huey so freudig begutachtete. Auchentoshan Classic. Der aus der Hausbar. Der, den sie persönlich mit Blutwurz verfeinert hatte. Derjenige, den Alistair niemals in die Küche gebracht hatte, weil dieser Hobbyalkoholiker einen geheimen Vorrat hatte! Vielleicht in der Garage. Wahrscheinlich in seinem Auto. Er war mit seiner Zweitflasche nach Hause gekommen und hatte sich an der Hausbar nur ein Glas genommen. Den ganzen Abend hindurch hatte er sich mit nichts weiter vergiftet, als mit Alkohol!

Mister Huey schraubte die Flasche auf und füllte die drei Gläser, die Dewey ebenfalls mitgebracht hatte. (Riona hatte mit ihrer Verfeinerung gewartet, bis Alistair sie zum erstenmal geöffnet hatte, damit er im Nachhinein nicht merken konnte, daß sich jemand daran zuschaffen gemacht hatte.)

Sie mußte schnell denken. Nur ein Versuch. Wen sollte es erwischen? Schnell! Alistair würde bestimmt nichts mehr trinken, soviel war sicher. Die drei hingegen würden trinken. Gut. Nein, schlecht!

Huey verteilte die Gläser.

Schlecht, wenn es nicht gegen sie zu verwenden war. In Gedanken ersann und verwarf sie Varianten wie während einer Schachpartie. Alistair, zum zweiten – Hueys Mobiltelefonprinzip: schwierig, der Polizei zu erklären, mit einem von uns tot, wie er es formuliert hatte. Zudem würde es sie mißtrauisch machen, wenn sie ihn zum Trinken zu überreden versuchte. Denk’ nach, Riona! Was würde sie nicht mißtrauisch machen? Ihre Augen fixierten Alistair, wie er auf seinem Stuhl saß, Flecken eingetrockneter Milch auf seiner Weste.

„Was ist mit mir?“

„Was ist mit Ihen, Mrs McIntosh?“, erkundigte sich Huey.

„Denken Sie nicht, ich könne nicht auch was Starkes gebrauchen? Tolle Gentlemen seit ihr…!“

Für einen Moment zeigte das, was vom Gesicht des Anführers sichtbar war, echte Beschämung.

„Wie nachlässig von mir!“

Schnell war ein viertes Glas gefüllt.

„Erlauben Sie.“

Er führte das Glas an ihre Lippen.

„Ich bin schon groß; ich kann alleine trinken.“

„Nicht, wenn Sie nicht wenigstens eine Hand zur Verfügung haben. Und da Sie bereits den Beweis angetreten haben, eine sehr trickreiche Person zu sein, kann ich Ihnen dieses Privileg nicht gewähren.“

Sie bedachte ihn mit einem mißbilligenden Blick, erlaubte ihm aber, ihr den Scotch einzuflößen. Die kleine Menge an Whisky war genug, ihren Mund mit einem Gefühl von Wärme zu füllen, eine Art Vollmundigkeit, die erst noch durch die charakteristische Schärfe des Alkohols ersetzt werden mußte. Aber das Wissen um die tödliche Substanz darin ließ ihre Kehle verkrampfen. Den ersten Schluck im Mund behaltend, bedeutete sie Mister Huey unter Aufgebot aller Willenskraft, ihr einen zweiten zu gewähren. Er war erkennbar fasziniert von ihrem forschen Benehmen, was ihn nur noch heftiger zusammenzucken ließ, als sie ihren Kopf zurückriß. Riona hustete heftig, als hätte sie sich verschluckt. Mit würgenden Lauten spie sie beide Schlucke wieder aus. Ein Gutteil des Whiskys lief ihr Kinn herab, von wo aus er auf ihren Pyjama regnete.

Dewey und Louie lachten ob Rionas Darbietung. Huey stellte ihr Glas auf dem Tresen ab.

„Ich bitte vielmals um Verzeihung, Mrs McIntosh“, begann er in sanftem Tonfall. „Falls dies durch mich verursacht wurde, dann vollumfänglich unbeabsichtigt, das versichere ich Ihnen.“ Er nahm sein eigenes Glas. „Falls es durch Sie selbst verursacht wurde, damit ich Sie befreie, so hat es sein Ziel verfehlt, auch das kann ich versichern.“

„Hast versucht, was abzuziehen, was?“, höhnte Alistair.

„Halt’ die Schnauze, Saufkopp.“

„Da hört man die gute Erziehung ’raus.“

„Bitte“, vermittelte der Anführer, „Sie beide haben genug für diese Nacht, seien es Alkohol oder sonstige lebensbeendende Substanzen.“

Neben ihm räusperte sich Mister Louie.

„Oh, genau“, wandte sich Huey an seine Gefährten, „was für eine außergewöhnlich wohlformulierte Überleitung! Meine Herren…“, Er hob sein Glas. „Slànte!“

Noch immer übergebeugt von ihrem simulierten Hustenanfall, das Gesicht teilweise von ihrem dunklen Haar verdeckt, beobachtete Riona, wie die drei Männer ihre Gläser leerten.

„Slàinte mhath.“

Mister Huey mochte eine Vorliebe für lächerlich überkonstruierte Schachtelsätze haben, aber er lernte schnell. Mißtrauisch beäugte er sie.

„Was ist nun schon wieder…?“

„Der Whisky, den du und deine Lakaien getrunken habt…“

Sie machte eine dramatische Pause – eine ihrer bewährten Techniken, um Leute aus der Ruhe zu bringen.

„Bitte fahren Sie fort. Was ist mit ihm?“

„… ist vergiftet.“

Die Reaktionen auf diese jüngste Enthüllung reichten von gleichgültig (Mister Dewey) über verwirrt (Mister Louie) bis hin zu lakonisch (Alistair).

„Ist hier eigentlich irgendwas, das du nicht vergiftet hast?“, fragte ihr Mann.

„Deine Kaugummis, zum Beispiel.“

„Was? Aber du― Was?!

„Du kommst jede Nacht hackedicht nach Hause! Wo glaubst du, verstecke ich dann wohl ein Gift mit starkem Eigengeschmack?“

Sie lachte auf.

„Kaugummi, also ehrlich! Ich kann immer noch nicht glauben, daß du mir das abgekauft hast. Aber gehe nicht zu hart mit dir ins Gericht, du bist in guter Gesellschaft.“ Sie nickte in Richtung der drei Einbrecher.

Während Alistair diese neue Information verarbeitete, wählte der Anführer „investigativ“ als seine Art der Reaktion. Demostrativ wägte er die halbvolle Flasche in seiner Hand ab.

„Ich haße es, unhöflich zu sein, Mrs McIntosh, aber ich glaube, Sie beschwindeln uns.“

Er sprach etwas schneller als zuvor.

Ah, die süße Saat des Zweifels…!

„Du kannst so unhöflich sein, wie du willst. Ihr habt gerade den Whisky getrunken, der für meinen werten Gatten bestimmt gewesen war. Ich lasse das mal ein wenig einwirken, denn ihr scheint immer noch in der Leugnungsphase zu stecken.“

„Mit mir war die ganze Zeit über alles in Ordnung?!“

„Später, Alistair!“, zischte sie. „Du hattest nur Glück.“

„Und die andere Flasche?“, hakte er nach.

„Grundgütiger…!“, fuhr sie ihn an, am Ende ihrer Geduld angelangt. „Dieser Whisky – aus der Bar – war für dich bestimmt! Woher sollte ich denn wissen, daß du eine andere Flasche vor mir versteckt hattest?“

In der halbdunklen Küche war es für einige Momente still, und sie konnte beinahe körperlich fühlen, wie sich das Blatt zu ihren Gunsten wendete.

„Weshalb sollten wir Ihnen nun glauben, nachdem Sie uns und Ihren Gatten die ganze Nacht hindurch zum Narren gehalten haben?“

„Oh, ich erwarte nicht, daß du mir glaubst, Mister Huey.“

Riona schaute auf ihren Pyjama herab und bedeutete allen, es ihr gleichzutun.

„Das ist aber seltsam…“, sinnierte sie, wieder mit jenem fein ausbalancierten Anstieg der Stimme am Satzende. „Mir ist noch nie aufgefallen, daß Scotch so häßliche Flecken hinterläßt.“

Dort, wo der ausgeprustete Whisky in die Seide eingezogen war, erschienen blaßrote Bereiche, als das Gift die Farbe des empfindlichen Stoffes angriff.

„Scheiße…!“

„In der Tat, Mister Huey. Sie können nun die panikbedingte Beschmutzung Ihrer Herrenunterbekleidung einleiten“, riet sie mit falschem irischem Akzent.

~

Das war’s. Diese Frau war zuviel für ihn! Alistair spürte, wie das nächtliche Wechselbad der Gefühle seinen Tribut forderte. Ironischerweise war das einzige, was ihm als Beruhigungshilfe einfiel, ein Schluck Whisky. Der einzig verfügbare war in der Flasche, die der Anführer noch immer in Händen hielt. Er hatte keinen Zweifel, das tatsächlich Gift darin war. Besser dort, als in seinen Kaugummis oder dem Auto-Scotch. Ironischerweise war es ausgerechnet Riona, die als einziger von allen Beteiligten seine Meinung teilte. Wie hatte es Ro überhaupt angestellt, die ganze Situation zu drehen? Und wie hatte er sich jemals in eine dermaßen manipulative Person verlieben können?! In eine Frau, die entschlossen war, allem und jedem um sie herum ihren Willen aufzuzwingen. Eine Frau, die es mit drei Einbrechern gleichzeitig aufnahm, während sie an einen Stuhl gefesselt war. Dieses Weib hatte etwas an sich.

Schien so, als hätte er sich gerade selbst die Antwort auf beide Fragen gegeben…

„Du Schlampe, du hast uns vergiftet!“, schrie dieser Trottel Louie sie an.

„Verklag’ mich doch, du Idiot.“

Er zwängte sich an Alistairs Stuhl vorbei, aber bevor er sie erreichen konnte, wurde er vom Anführer zurückgehalten. Doch auch Mister Huey war von der jüngsten Entwicklung nicht erbaut.

„Bedauerlicherweise für Sie werden wir etwas sehr viel—“

„Fünfzehn Minuten.“

„Wie meinen?“

„Ein paar mehr oder weniger. Wahrscheinlich weniger, wenn der Alkohol den Prozeß beschleunigt.“

„Und Sie glauben, daß wir Sie innerhalb einer Viertelstunde nicht gründlichst und auf eine höchst unerfreuliche Weise in das Jenseits befördern können?“

„Ich schätze, ihr könnt. Aber ihr werdet es nicht schaffen, alle eure Spuren gründlichst zu verwischen und ein Krankenhaus zu erreichen. Im günstigsten Fall bekommt ihr das Gegenmittel gerade noch rechtzeitig verabreicht, während ihr meine DNS auf euren unauffälligen Panzerknackerkostümen herumtragt.“ Sie inspizierte die Flecken auf ihrem Pyjama. „Das Gegenmittel für ein Gift, das man auf einem Mordopfer nur ein paar Meilen entfernt finden wird.“

Mister Huey überdachte ihre Worte für einige lange Sekunden.

„Verdammt, sie sind gut in sowas, Lady“, gestand er schließlich ein.

„Ich habe meine Momente.“

„In der Tat. Und nun beginne ich auch zu verstehen, warum ihr Ehegatte ein Problem damit haben könnte.“

Huey begann, die Kücheninsel zu umkreisen.

„Haben Sie noch mehr von dem Gegengift? Nein, natürlich nicht. Nicht für drei weitere Personen.“

Er hielt inne. Offenbar hatte er eine Entscheidung getroffen.

„Mister Dewey, Sie nehmen unsere Ausrüstung. Mister Louie, schnappen Sie sich einige Flaschen Milch. Wir haben Mister und Mrs McIntoshs Gastfreundschaft bereits überstrapaziert.“

Während der untersetzte Kerl seinen Seesack mit stoischer Miene schulterte, murmelte Louie irische Verwünschungen in den Kühlschrank. Als er wieder zum Vorschein kam, hatte er soviele Milchflaschen in den Armen, wie er nur tragen konnte. Trotz ihrer Beladung verschwanden beide mit beachtlicher Geschwindigkeit. Als der Anführer sich anschickte, ihnen zu folgen, rief Ro ihm hinterher.

„Warte! Ihr Bastarde! Schneidet mich los!“

„Ich bin untröstlich, Mrs McIntosh, aber wir benötigen einen kleinen Vorsprung.“ Mister Huey trat ein letztes Mal zwischen ihre beiden Stühle. „Zudem ist es eine meiner obersten Maßgaben, einen Ort so zu verlassen, wie ich ihn vorgefunden habe.“

Er verdeckte die Sicht, während er in Rionas Richtung griff, aber Alistair konnte sie zappeln sehen.

„Nein! Nein-nmpf!“

Mister Huey ließ von ihr ab. Sehr zu Alistairs bitterer Erheiterung saß der rote Ballknebel wieder in Ros unwilligem Mund.

„Mister McIntosh. Sie haben ein wundervolles Heim und eine bezaubernde Gattin, und wir haben es genossen, Ihre Gäste sein zu dürfen. Allerdings hat Ihre bessere Hälfte deutlich zu verstehen gegeben, daß ihre Gastlichkeit an ihre Grenzen stößt. In diesem Sinne: Leben Sie wohl, Mister McIntosh.“

„Ja“, seufzte Alistair, „gute Reise.“

“Mrs McIntosh.”

„’Ick ’ich!“

~

Die Haustür fiel ins Schloß, und das Trio war weg. Großartig, einfach großartig! Nicht nur, daß sie um ihre persönliche Rache gebracht wurde, nicht zu vergessen die besten Stücke aus ihrer Schmuckschatulle (Memo an sie selbst: Kreditkarten sperren). Sie hatte auch wieder diesen widerlichen Ball im Mund!

Riona warf einen Blick zu ihrem Mann. Er schaute süffisant zurück, dann wanderten seine Augen zur Kücheninsel. Sie brauchte seinem Blick nicht zu folgen, denn sie hatte gerade den gleichen Gedanken wie er.

Die Kombizange.

Wie auf Kommando begannen beide gleichzeitig, mit ihren Stühlen Richtung Tresen zu hüpfen. Ein lustiger Anblick für einen unbeteiligten Beobachter, schätzte Ro zwischen den anstrengenden Sprüngen. Die Stühle waren schwer, entworfen, um zu beeindrucken. Durch die Art, wie sie an ihren gebunden war, konnte sie ihn nicht greifen, und so zerrte sein ganzes Gewicht an den Kabelbindern. Mit jedem Hüpfer schnitten sie sich tiefer in ihre onehin schon wunden Hand- und Fußgelenke. Sie war näher dran an der grausigen Werkzeugsammlung, aber Alistair war schneller unterwegs. Weichei oder nicht, er war sechszehn Kilo schwerer als sie, und keines davon war Fett.

Sie erreichte die Insel einen Augenblick vor ihm. Hecktisch verlagerte sie ihr Gewicht nach vorne, um den Stuhl zu kippen. Sie lehnte sich zudem soweit wie möglich nach vorne und ignorierte den zusätzlichen Schmerz in ihren Handgelenken und den Zug in ihren verdrehten Armen. Schielend arbeitete sie sich zuder Zange vor, bis ihre Nasenspitze endlich einen der gummibeschichteten Griffe berührte. Wenn es ihr gelang, das Werkzeug mit der Nase zu fischen, könnte sie es über die Kante bugsieren und in ihren whisky-besudelten Schoß fallen lassen. Sie hatte keine Ahnung, wie sie es von dort in ihre Hand bekommen sollte, doch darüber würde sie sich Gedanken machen, wenn es soweit war. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Alistair in Reichweite kam und zu einem Kopfstoß ansetzte. Im letzten Moment zog sie ihren Kopf weg, und er traf mit seinem die marmorne Kante.

„Argh! Verdammte Scheiße!“

Geschah ihm recht!

Ihr Ausweichmanöver hatte jedoch die Zange auf den Fußboden fallen lassen. Sie hoppelte von der Kücheninsel weg und brachte sich in Position. Ohne einen Gedanken an die möglichen Folgen zu verschwenden, schaukelte sie wild hin und her, bis der Stuhl zu einer Seite überkippte. Sie schlug hart auf dem Boden auf, gefesseltes Bein zuerst. Der Schmerz, der durch ihr Knie schoß, ließ sie in den Gummiknebel beißen. Sie blieb darin verbissen, bis der erste Schwall verebte. Ihre Hände begannen, fieberhaft den Boden nach dem abhandengekommenen Werkzeug abzutasten, obwohl ihre Finger kaum die Fliesen erreichten. Immer tiefer schnitten die Kabelbinder, die ihre Hände an der Querstrebe des Stuhles fixierten, als sie an ihnen zerrte, um einige Zentimeter mehr zu gewinnen.

Hinter ihr krachte Alistairs Stuhl zu Boden, begleitet von einem unterdrückten „Uff!“.

Riona steigerte ihre Anstrengungen ins Irrsinnige, aber blieb erfolglos. Immer wieder überstrichen ihre Fingerspitzen die kalten Küchenfliesen, für die sie buchstäblich Wochen gebraucht hatte, um sie auszusuchen. Aber keine Kombizange weit und breit.

Alistairs triumphales „Ha!“ ließ sie erstarren.

„Kein Grund, noch weiter zu suchen, Ro!“

Sie hoffte, daß er bluffte, doch dann hörte sie ein unheilverkündendes Schnappen aus seiner Richtung. Dann einige weitere, während er leise fluchte. Riona versuchte, nach hinten zu schauen, aber ihre Fesseln waren unnachgiebig und ihr Bein schmerzhaft eingeklemmt.

Schritte.

Sie quiekte als ihr Stuhl, und sie mit ihm, aufgerichtet wurde. Einen Augenblick später lehnte sich ihr geliebter Ehemann über ihre Schulter, noch immer etwas außer Atem von seiner Entfesselungsnummer und mit einer kleinen Platzwunde an der Stirn.

„Hallo, Liebes!“

Er kam um ihren Stuhl herum und ging vor ihr in die Hocke.

„Wo waren wir stehengeblieben?“

Er wußte ganz genau, wo sie stehengeblieben waren! Sie festzubinden und zu ermorden! Riona fragte sich bloß, was von beiden dieser Perversling mehr genoß. Beinahe gedankenverloren betrachtete er die Zange in seiner Hand. Wenn Alistair schon vor ihrem Vergiftungsversuch vorgehabt hatte, sie langsam zu töten, mochte sie sich nicht ausmalen, was er nun mit ihr anstellen würde. Aber warum fürchtete sie sich dann nicht? Warum zitterte sie nicht vor Angst? Sie war aufgewühlt gewesen, als er sie gezwungen hatte, sich ihm zu ergeben. Sie war aufgewühlt gewesen, als die drei Idioten aus der Dunkelheit auftauchten. Aber war sie in Furcht gewesen? Vielleicht war sie das kalte, kalkulierende Miststück, für das er sie hielt. Oder vielleicht hatte sie sich tief in ihrem Inneren noch immer nicht von der romantischen Wahnvorstellung gelöst, daß ihr in seiner Gegenward nichts Schlimmes widerfahren könne.

Nun, diese Theorie würde nun einer Prüfung unterzogen…

~

Seltsam. Sie hatten gerade Einbrecher im Haus gehabt, waren ausgeraubt, gefesselt und bedroht worden. Nun ja, die Hälfte des Fesselns hatte er übernommen, und die meisten Drohungen waren von Riona gekommen. Man könnte meinen, daß reiche für eine Nacht. Als er hinabsah, bemerkte er, wie seine Frau die Fäuste ballte. Vielleicht versuchte sie, etwas Gefühl in ihre Hände zurückzupumpen. Oder vielleicht rechnete sie damit, daß er ihr die Fingernägel ausreißen wollte. Natürlich hatte er eine solche Technik im Strudel seiner Rachephantasien durchgespielt, aber sie hatte ihm nie zugesagt. Zudem wäre eine Spitzzange besser dafür geeignet.

„Okay, Ro. Das wird wehtun.“

~

Alistair hatte recht damit! Der Schmerz war heftig, um es vorsichtig auszudrücken. Zuerst war da nur das trockene Schnappen der Zange gewesen, und der plötzliche Wegfall der Spannung um ihre Handgelenke. Einen Moment später setzte die Durchblutung ein, und Riona biß in ihren Knebel. Die Kabelbinder hatten sie für mehrere Stunden gefangengehalten, und als das Gefühl wieder in ihre Hände zurückkehrte, tat es dies mit einem beinahe unerträglichen Maß an Stechen und Prickeln. Sie erhielt einen großzügigen Nachschlag, als ihre Knöchel befreit wurden. Doch alles, woran sie denken konnte, war, den Drecksknebel loszuwerden! Mit kribbelnden Fingern tastete sie nach der Schnalle in ihrem Nacken. Alistair streckte seine Hand aus.

„Laß’ mich—“

Sie sprang vom Stuhl auf und fiel fast gegen den Tresen.

„’Eh’ ’eg!“

Tatsächlich hielt er Abstand während Riona die Insel mit unsicheren Schritten umrundete und die massive Struktur zwischen sie brachte. Als es ihr schließlich gelang, die Schnalle zu öffnen, riß sie den Ballknebel aus ihrem Mund und warf ihn nach ihm.

„Du Arschloch!“

Sie massierte Gefühl zurück in ihre Hand- und Kiefergelenke. Die Muskeln an den Seiten ihres Gesichtes fühlten sich wie Drähte an. Es würde Stunden dauern, um all die Krämpfe und Verspannungen aus ihnen zu lösen. Mit einem Ärmel wischte Riona sich den Speichel vom Kinn, während sie haßerfüllte Blicke über den Tresen schickte. Ihr Ehemann schien ihre Beschimpfung oder das Fetischwurfgeschoß nicht übelzunehmen – anders als das Weinglas am Abend hatte letzteres sein Ziel gefunden. Vielmehr schien er seltsam gelassen zu sein, als wäre er zu einer tieferen Einsicht gelangt. Alistair hatte ihr einmal anvertraut, daß es ihn immer fasziniert habe, sie fluchen zu hören. Seiner Meinung nach ergab dies einen erfrischenden Kontrast zu ihrer gebildeten, kontrollierenden und kontrollierten Berufspersönlichkeit – genau wie das Tragen seiner Hemden oder das Trinken von Bier direkt aus der Flasche.

Der Umstand, daß diese Aussage ihr gerade jetzt in den Sinn kam, machte Riona nur noch wütender. Wie konnte er es wagen, ihren Zorn faszinierend zu finden?! Wie konnte er es wagen, die ganze Lächerlichkeit der Geschehnisse dieser Nacht zu erkennen?!

Ihr Blick verließ Alistair und fiel auf den Elektroschocker, der harmlos in der Nachbarschaft der nie benutzten Schaschlikspieße lag. Riona machte einen Satz nach vorne und griff das Gerät, aber Alistair war ebenfalls schnell und packte ihren Arm. Sein Zugriff brachte sie aus dem Gleichgewicht. Er zerrte sie teils über, teil um den Tresen herum, bevor er selber die Balance verlor. Er stolperte zurück, fiel schließlich über einen der umgestürzten Stühle und zog sie im Fallen mit. Sein Aufprall auf den Boden mußte so hart gewesen sein wie ihrer, aber trotzdem hielt dieser Bastard ihren Unterarm noch immer eisern umklammert!

„Du mieser—“

Der Schocker ging mit einem knisternden Geräusch los. Ein bläulich-weißer Lichtbogen zuckte zwischen seinen Elektroden und brannte sein Abbild in Rionas Netzhaut. Sie schrie in Überraschung auf und ließ das Gerät fallen. Alistair löste seinen Griff um ihren Arm und bewegte sich zurück. Der Elektroschocker schlug auf den Fliesen auf, und er kickte ihn in die Dunkelheit hinein. Riona wandte sich weg von ihm, bis sie mit dem Rücken gegen die Insel stieß. Mit einem Stöhnen hievte sich Alistair über den Boden und lehnte sich ebenfalls gegen den Tresen, wenngleich zwei sensible Meter von ihr entfernt. Sie wartete im Halbdunkel, eine Hand auf ihrem bereits anschwellenden Knie, das beim zweiten Sturz erneut in Mitleidenschaft gezogen worden war. Wartete, daß das geisterhafte Abbild des Lichtbogens verschwand. Wartete auf den nächsten Zug ihres Mannes. Er war doch am Zug, oder?

Mehrere Minuten verstrichen in Stille. Zuerst wagte sie es nicht, ihre Augen zu schließen. Dann schloß sie sie dennoch. Was war das schlimmste, das passieren konnte?

Sie hörte ihn auflachen.

„Ich habe nie erwartet, daß unsere Ehe perfekt läuft, aber das war ein bißchen übertrieben.“

„Ach, halt’ die Klappe.“

Er blieb wieder für einige Minuten ruhig, dann begann er erneut. Während sein erster Versuch der Auskundschaftung der Lage gedient haben mochte, hörte sich dieser hier schon ernsthafter an.

„Hast du was von dem Zeug geschluckt, Ro?“

„Mir geht’s gut, fick’ dich vielmals“, ätzte sie zurück.

Wenn er auf einen Waffenstillstand spekulierte, würde sie ihn mit Freuden enttäuschen. Abgesehen davon waren die Schleimhäute in ihrem Mund nur sehr kurz mit dem vergifteten Whisky in Kontakt gekommen. Sie zuckte zusammen, als Alistair aufstand. Aber nachdem er ein Spültuch benetzt hatte, ließ er sich wieder zu Boden fallen. Mit einem schmerzerfüllten Laut preßte er den kalten Stoff gegen seine Stirn. Ihr Ehemann hatte – unverdientermaßen – Glück gehabt, nur eine Prellung mit wenig Blut davongetragen zu haben, anstatt einer größeren Platzwunde. In Kombination mit Blut war er nutzlos.

„Die haben unsere ganze Milch mitgenommen“, resümierte er, als er das Tuch wieder wegnahm.

„Wenigstens hast du noch dein Auto. Das ist das wichtigste“, blaffte Riona.

„Und wenn du doch was geschluckt—“

„Vergiß die scheiß Milch! Solange du nicht eine Kuhladung davon trinkst, macht sie alles nur noch schlimmer.“

„Oh.“

„Ja, ‚oh‘. Und jetzt laß’ mich in Ruhe!“

Riona rieb ihr schmerzendes Knie. Die verdammte Schwellung wurde schlimmer. Sie war wirklich nicht in Stimmung für irgendwelche weiteren Possen über Milch, Whisky oder Iren. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie, wie Alistair das Spültuch neu faltete. Er lehnte sich zu ihr und stupste sie damit an.

„Drück’ wenigstens das auf dein Knie. Keine Sorge; ist nur Wasser drin.“

Sie bedachte ihn mit einem eingeschnappten Blick. Dachte Alistair tatsächlich, sie würde ihn so einfach davonkommen lassen? Und erwartete er von ihr, zu glauben, er würde sie so einfach davonkommen lassen?

„Herrje, Ro“, seufzte ihr Mann, „weißt du, warum ich deine Fesseln durchgeschnitten habe?“

Nein, aber sie hatte das Gefühl, er würde es ihr gleich sagen.

„Wegen des ersten Gedankens, den ich hatte, nachdem die drei Vollidioten abgehauen waren: ‚Morgen früh müssen wir als erstes Ironclad anrufen und die Alarmanlage reparieren lassen.‘ Aus irgendeinem Grund war es nicht: ‚Morgen früh muß ich als zweites den Alarm reparieren lassen, gleich nachdem ich die Leiche meiner Frau habe verschwinden lassen.‘“

Riona wählte ihren strengsten Gesichtsausdruck, Kiefermuskulatur angespannt. Für einige Momente blickte sie Alistair finster an, dann zog sie ihm das Tuch aus der Hand.

„Du schläfst heute Nacht sowas von auf der Couch.“

 

~Ende ~

v1.15d

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